Nur gut, dass Du wieder da bist. Oder: Ich bin froh, dass es Dich gibt! Eigentlich einfache, selbstverständliche Sätze, die ausdrücken, dass man jemanden gern hat und was im Leben wirklich wichtig ist. Aber auch Sätze, die wir oft viel zu wenig von anderen hören, von selber sagen ganz zu schweigen.

Es war im ICE von Köln nach Berlin. An einem trüben November-Nachmittag, auf dem Rückweg von einer längeren Dienstreise und einem anstrengenden Termin. Ich schrieb auf meinem Laptop und freute mich auf mein warmes Bett zu Hause. Am Bahnhof Hannover setzte sich ein junger Mann neben mich. Mitte Zwanzig, schmal, mit müden Augen. Blickte nach ein paar Minuten auf meinen Bildschirm und sagte unvermittelt: Ich würde schreiben „Back Street statt Wall Street“. Er meinte die Überschrift zu meiner Stoffsammlung über den nächsten geplanten Beitrag. Bei dem es darum gehen sollte, welchen Preis man bereit ist, für den dafür erhaltenen Gegenwert, den eigenen Nutzen zu bezahlen. Auch um Karriere, Macht und Geld und um den Aufstieg und Fall von Top-Managern. Ob es sich dabei zum Beispiel lohnt, schon mit Anfang vierzig das eigene Haus, seine Yacht und sein Auto zu besitzen. Und dafür vielleicht mit einer gescheiterten Beziehung, keinen wirklichen Freunden und/oder dem ersten Burn out bezahlen zu müssen.

Auch darüber, was wirklich im Leben zählt, um sein Glück zu finden. Ob es „nur“ die eigene Gesundheit ist und finanzielle Sicherheit. Oder eher doch eine erfüllende Beziehung und eine sinnvolle Beschäftigung. Wie man es bei der Suche nach dieser „sinnvollen Beschäftigung“ schafft, die Lebensweisheiten von Konfuzius (Der Weg ist das Ziel) oder von Laotse umzusetzen. Der einem rät, „einen Beruf zu finden, den man liebt, um dann im ganzen Leben nicht mehr arbeiten zu müssen“. Und dass bei diesem Beruf dann wiederum die Menschen den Unterschied ausmachen, mit denen man zusammenarbeitet.

So kamen wir ins Gespräch. Er erzählte über sein gerade abgeschlossenes VWL-Studium und seine aktuelle Auszeit. Dass er später gerne heiraten und Kinder haben möchte und gerade auf der Rückfahrt nach Berlin-Kreuzberg in seine Wohnung  sei. Haben Sie Freunde in Hannover besucht, oder sich bei einem Unternehmen beworben? Nein, antwortete er auf meine Frage. Ich war bei meiner Oma im Krankenhaus. Abschiedsbesuch, sie ist 90 Jahre und stirbt.

Ich wusste zuerst nicht, ob ich das Gespräch abbrechen und ihn in Ruhe lassen sollte. Nach einer kleinen Weile sagte ich dann doch: Besuche im Krankenhaus sind nie schön, ich mag so etwas auch nicht. Ja, sagte mein Sitznachbar, aber für mich war es das letzte mal, dass ich meine Oma lebend sehen konnte, sie hat Krebs, unheilbar. Dann brach es aus ihm heraus: Sie ist der beste Mensch, den Sie sich vorstellen können! Hat alles in ihrem Leben für ihre Kinder getan und liegt jetzt wie ein  hilfloser Säugling im Bett. Warum lässt man Menschen so leiden, warum lässt man sie nicht einfach gehen!? Eine kleine Dosis Morphin mehr am Tag, sie hätte weniger Schmerzen und könnten in Frieden einschlafen. Aber die Ärzte weigern sich, dürfen angeblich nicht eingreifen. Meine Oma kann nicht mehr sprechen, sich nicht mehr bewegen, nur noch mit ihren Augen reden. Und als ich sie beim Abschied in den Arm nahm, fing sie an zu weinen. Ihr Enkel neben mir schlug die Hände vor sein Gesicht, seine Schultern zuckten und die Tränen liefen ihm durch seine Finger.

Abends im Bett erzählte ich dieses Erlebnis meiner Ehefrau. Mit einem dicken Kloß im Hals und mit vielen Pausen. Sie nahm mich einfach in den Arm und sagte leise: Nur gut, dass Du wieder da bist…