Müller sah müde aus. Tiefe Ringe unter den Augen, strähnige Haare, eingefallene Wangen. Kein Wunder nach diesem Jahr, bei dem er einiges aushalten musste.

So war er froh, dass er seine Ansprache zur jährlichen Weihnachtsfeier bald überstanden hatte und das übliche Büffet eröffnen konnte. Und es fiel ihm sichtlich schwer, seinen Zustand zu verbergen und die erwarteten Eigenschaften eines Chefs zu zeigen. Alles im Griff haben, sich nicht unterkriegen lassen, keine Schwäche sondern Zuversicht zeigen und sich natürlich auch um seine Mitarbeiter kümmern.

Seinem Team ging es ähnlich. Die Anstrengungen der letzten Monate hatten auch im Bereich Finance & Controlling entsprechende Spuren hinterlassen. Die Umstellung auf neue Abschlussrichtlinien, das Ausscheiden von erfahrenen Kolleginnen und natürlich die generelle Lage der Firma. Der es nicht gut ging, die sparen musste und deren Vorstand die letzten zwei Jahre dreimal wechselte. Darunter musste auch der Bereich von Müller leiden, der zu Personaleinsparungen gezwungen war.

Dabei hasste Müller nichts so sehr, wie Abschiedsgespräche. Sich von Menschen trennen, mit denen man viele Jahre gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet hatte und die einem auch als Mensch ans Herz gewachsen waren. Aber vielleicht war dieses „Menscheln“ ja gerade seine Schwäche, die ihm auch immer wieder von den unterschiedlichen Vorständen vorgeworfen wurde. „Ihre Mitarbeiter werden schliesslich gut bezahlt für das, was sie tun. Vielleicht sogar zu gut. Jeder ist ersetzbar. Und gespart werden muss überall, die Konkurrenz schläft nicht“. Solche und ähnliche Sätze hatte Müller die letzten Jahre des öfteren hören müssen. Und musste dann erleben, wie zwar „Wasser gepredigt, aber Wein getrunken“ wurde. Wie die Vorstände weiter in einem eigenen Kasino speisten und natürlich auch weiter Business Class flogen, auch von München nach Köln.

Und er, Müller, musste dann mit seinen Kollegen die Auswahl treffen, wer bleiben durfte und gehen musste. Wusste dabei aber genau, dass viele in seinem Alter (Mitte Fünfzig) nicht mehr so einfach eine neue Anstellung finden würden. Oder dass einer jungen und alleinerziehenden Mutter nicht nur das Geld für die monatliche Miete fehlen werden, sondern auch die sozialen Kontakte und die Selbstbestätigung durch ihre Arbeit.

Dies alles ging ihm durch den Kopf, als er sich in der kleinen Runde umsah und sich am Schluss bei seinem Team bedankte. Für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, das gezeigte Engagement, die Loyalität zum Unternehmen und die gegenseitige Unterstützung. Er wünschte noch erholsame Weihnachtsferien und einen guten Rutsch ins neue, hoffentlich bessere, Jahr. Hob das Glas und beendete seine Rede wie üblich mit „Das Büffet ist eröffnet!“

Kaum hatte er Platz und einen tiefen Schluck aus seinem Glas genommen, erhob sich Frau Schneider. Sein „bestes Pferd im Stall“ wie Müller sie immer liebevoll bezeichnete und ein richtiges „Schlachtross“, welches sich durch nichts aus der Ruhe bringen liess. Mit hochrotem Kopf und sichtlich verlegen, fing sie an zu sprechen. „Lieber Herr Müller, gestatten Sie mir, ausnahmsweise heute auch ein paar Worte an Sie zu richten, auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen.“ Es wurde mucksmäuschenstill im Raum und Müller hob überrascht den Kopf, die Blicke von ihm und seinem „besten Pferd“ trafen sich.

Lieber Herr Müller, nach tiefem Luftholen sprach Frau Schneider weiter. Wir wissen, dass es ein schwieriges Jahr für unsere Firma war, aber bestimmt auch für Sie. Aber gerade deswegen möchten wir uns bei Ihnen bedanken. Dass wir uns immer auf Sie verlassen konnten, dass Sie für uns taten, was in Ihrer Macht lag. Wir wissen, dass es nicht immer einfach mit uns ist, jede und jeder von uns hat halt so seine Macken. Gerade deswegen schätzen wir es aber ganz besonders, dass Sie immer Mensch geblieben sind und bei all den Schwierigkeiten nie die Nerven und die Beherrschung verloren haben. Auch selber mitanpackten, als es nötig war und immer mit gutem Beispiel vorangingen. Und auch wenn Sie es vielleicht nicht glauben, wir könnten uns keinen besseren Chef wünschen, als Sie es sind. Das wollten wir Ihnen schon lange mal sagen. Auch wir wünschen Ihnen und Ihrer Familie ein gesegnetes Weihnachtsfest, erholen Sie sich gut, dass wir noch lange etwas von Ihnen haben.

So beendete Frau Schneider ihre kurze Ansprache, bei der sie am Schluss immer mehr Pausen zwischen den einzelnen Sätzen machte. Auch um den dicken Kloß in ihrem Hals zu bekämpfen und um Ihre Rede wie geplant zu Ende zu bringen. Und Müller sass da, genauso verlegen wie sein „bestes Pferd“, hielt sich krampfhaft an seinem Glas fest und hatte nasse Augen.