Es war vielleicht nicht die beste Mannschaft, die ich jemals trainierte, aber die Mannschaft, die mir am meisten imponierte. Vor über 20 Jahren, beim TSV München Solln, kurz nach Ende des Balkan-Krieges. Damals war der Verein schon kurz davor, keine A-Jugend-Mannschaft mehr zu melden, weil es einfach nicht genügend Spieler in der Altersklasse der 17- und 18-Jährigen gab.

Dann tauchten plötzlich 5 Jungs bei unserem Training auf, teilweise mit Strassenschuhen, zerrissenen Jeans und ausgebleichten Sweat-Shirts. Direkt aus der Notunterkunft für flüchtende Menschen, aufgebaut auf unserem ehemaligen, alten Fußballplatz. Zuerst standen die jungen Kerle etwas verlegen am Rande unseres Trainingsplatzes und spielten sich gegenseitig einen alten, selbst mitgebrachten Ball zu und stellten sich dabei gar nicht so dumm an. Kurzentschlossen ging ich auf sie zu und lud sie mit „Händen und Füßen“ ein, doch einfach bei meiner kleinen Trainingsgruppe (gerade einmal acht Spieler) mitzumachen.

Ein paar Wochen später hatten wir eine Mannschaft, die „bunter“ nicht hätte sein können. Spieler mit „Wurzeln“ aus dem Kosovo, aus Bosnien-Herzegowina, der Türkei, Kroatien, Serbien, Griechenland, Österreich, Bolivien und sogar aus Deutschland. Junge Menschen, von denen manche Familienangehörige sich teilweise sogar noch vor ein paar Monaten als erbitterte Feinde bei einem der unsinnigsten Kriege des letzten Jahrhunderts gegenüber standen.

Und jetzt spielten diese Jungs gemeinsam in einem Team. Ohne Vorbehalte, ohne Vorurteile und ohne Ressentiments. Mit dem einzigen Ziel, mit ihren Mannschaftskameraden Spass zu haben, Erfolserlebnisse und Selbstbestätigung zu gewinnen und vielleicht dazu das ein oder andere Spiel. Die einzelnen Mitspieler wurden nicht nach deren Herkunft bewertet, sonden alleine nach dem jeweiligen Können, Charakter und Verhalten. Zum Beispiel dem Zeigen von Mannschaftsgeist, fairen Verhalten (im Training und im Spiel) und dem Willen, etwas zu erreichen.

Nach der Saison – soweit ich mich erinnere, wurden wir Vierter – gab es als Höhepunkt eine Abschlussfahrt nach Hessen. Eingeladen von unserem Partnerverein zu derem Saison-Höhepunkt, dem jährlichen Pfingstturnier. Mit Mannschaften aus ganz Deutschland (auch einem Team von Schalke 04), ganz groß aufgezogen, mit Bierzelt direkt neben dem Sportplatz, Glücksbuden, Bratwurst und Bier. Und in diesem Zelt war schon am Vorabend der Turnierspiele einiges los. Blasmusik und Disco, Gesänge der einzelnen Mannschaften und der jeweiligen Fans. Die „Dorfjugend“ hatte sich entsprechend in Schale geworfen und die ersten Blicke zwischen Jungs und Mädels flogen schon nach den ersten Minuten hin und her.

Und es dauerte nicht lange, da „rockten“ meine Jungs die Tanz-Bühne. Waren nicht zu unterscheiden von den anderen Mannschaften und hatten jede Menge Spass. Bis kurz vor Mitternacht, denn dann ging es gemeinsam in unsere Unterkunft, auf unser Matratzenlager in der örtlichen Turnhalle. Schliesslich waren wir ja nicht nur zum Spass angereist, sondern wollten auch zeigen, dass wir guten Fußball spielen konnten.

Zum Turniersieg hat es dann zwar nicht gereicht, aber noch heute schwärmen „meine“ Jungs von der damaligen Zeit. Weil damals alle lernten, dass Fußball eben mehr sein kann, als nur Gewinnen oder Verlieren…