Als Christiano Ronaldo im Sommer 2009 für knapp 100 Millionen Euro von Manchester United, den Red Devils, nach Real Madrid wechselte, war die Empörung groß. Kein Mensch ist so viel wert, unanständig, Sklavenhandel, Wettbewerbsverzerrung. So ähnlich waren die Kommentare von Fans, Spielern, Trainern, Vereinsvorsitzenden, Journalisten und anderen Liebhabern des Fußballs. Nur die Fans und Verantwortlichen von Real Madrid sahen dies anders, auch die Geschäftsführung von Manchester United.

Fußball ist zum ganz normalen Geschäft geworden

Schon lange bei Manchester United. Dem Verein, der 1902 gegründet wurde, mit 20 Titeln englischer Rekordmeister ist, aber im Sommer 2009 schon lange kein Verein mehr war. Sondern ein ganz normales Unternehmen, dass mit Fußball Geld verdient, sehr viel Geld. Eigentümer des Klubs ist seit 2003 die Glazer-Familie, die über ihre Unternehmen Red Football Limited Partnership und Red Football General Partner Inc. die Manchester United Public Limited Company finanziell kontrolliert. Die Red Devils bescherten im Jahr 2016 ihrem Eigner ein Rekordergebnis von 72 Millionen (US $) und steigerten ihren Umsatz auf eine Rekord-Höhe von 763 Millionen (US $). Waren damit der Umsatzstärkste „Verein“ der Welt, vor dem FC Barcelona, Real Madrid, Bayern München und weit vor Paris Saint-Germain. Auch vor Manchester City (in der Hand von Investoren aus Abu Dhabi und China), vor dem FC Chelsea (kontrolliert durch den russischen Öl-Milliardär Roman Abramowitsch) und vor den Italienischen Clubs Inter und AC Mailand (beide im Mehrheitsbesitz von Chinesischen Investoren).

Der ganz normale Wahnsinn um Neymar

Hatte Paris Saint-Germain bisher mit schillernden Persönlichkeiten wie Zlatan Ibrahimovic und französischen Titeln geglänzt, will es der Club aus Frankreich jetzt offensichtlich mit Gewalt wissen. Endlich auch auf der Europäischen Bühne den Ton unter den ganz Großen angeben und in der „Königsklasse“, der Champions League angreifen. Für ein Gesamtpaket von geschätzten 500 Millionen Euro  (222 Mio. Ablöse, plus Provisionen und Gehalt über 5 Jahre) wird der Brasilianer Neymar vom FC Barcelona geholt und als „Zugabe“ soll für 160 Millionen das Mega-Talent Kylian Mbappé vom AS Monaco kommen. Woher kommt hier eigentlich das viele Geld her? Auch hier natürlich nicht vom Verkauf von Bratwürsten und Bier (oder von Baguette und Rotwein), sondern von Geschäftsleuten mit viel Geld und großen Ambitionen.  Nämlich von der katarischen Investorengruppe Qatar Sports Investments (QSI), die seit 2012 das Sagen beim Pariser Fußballclub hat. Und die, um das geltende, sogenannte Financial Fair Play zu umgehen, das Geld an Neymar überwies. Damit er, und nicht Paris Saint Germain, den Deal offiziell mit dem Bezahlen seiner festgeschriebenen Ausstiegssumme tätigen konnte.

Viele Geld fliesst nach Europa und bleibt im Fußball (zumindest das meiste)

Soweit die Fakten und die Hintergründe um das Transfer-Karussell. Aber warum sollen jetzt diese schwindelerregenden Wechselspielchen erst der Anfang und am Ende vielleicht sogar gut für uns alle sein? Zuerst einmal: Viel Geld von „ausserhalb“ wird zusätzlich in die Branche Fußball gepumpt. „Verschimmelt“ nicht in Bank-Tresoren, oder wird in einen weiteren, unnützen Palast mit goldenen Wasserhähnen in einem weit entfernten Scheichtum gesteckt. Alleine die Millionen, die aus Katar nach Barcelona fliessen, kommen vielen zugute, die sich im Dunstkreis des Fußball-Geschäftes bewegen. Barcelona wird sich höchstwahrscheinlich für die erhaltenen 222 Neymar-Millionen einen gewissen Herrn“ Dembélé für mehr als 100 Millionen aus Dortmund holen, der BVB dafür vielleicht zwei neue Spieler aus zwei anderen Clubs. Diese wiederum vier andere Spieler aus vier anderen Clubs. Und so weiter, und so weiter. Die betreffenden Spieler werden mehr verdienen, dafür mehr Steuern zahlen (hoffentlich), die entsprechenden Familien werden sich „ganz dolle“ freuen, die persönlichen Berater, diverse Umzugsfirmen, Häusermakler, Schmuckgeschäfte und lokalen Autohäuser sowieso.

Endlich verschwindet die Heuchelei und Scheinheiligkeit

„Ich habe auf mein Herz gehört. Seit ich ein Kind bin, wollte ich bei  diesem Verein spielen. Ich will einen neue Sprache und eine neue Kultur kennenlernen“. Solche und ähnliche Sprüche und Ausreden werden bald der Vergangenheit angehören. Wenn Profi-Spieler von Fußball-Unternehmen A zu Fußball-Unternehmen B wechseln. Und die Aussicht auf mehr Gehalt mit irgendwelchen, romantisch angehauchten Aussagen zu begründen versuchen. Es wird dann einfach so sein, wie in der ganz „normalen“ Wirtschaft. Wenn ein leitender Angestellter einen neue, besser bezahlte Herausforderung bei einem anderen Unternehmen übernimmt. Ohne großes Brimborium, ohne eigene Pressekonferenz und ohne großartige Begründungen, oder Treueschwüre auf seinen neuen Arbeitgeber. Der ihm aber oft auch schon in seinem Vertrag die mögliche Abfindung bei einem frühzeitigen Ausscheiden aus dem Unternehmen festgeschrieben hat.

Wir werden Amerikanische Verhältnisse bekommen.

Ob wir das wollen, oder nicht. Und diese Verhältnisse werden dem Profi-Fußball vermutlich sogar gut tun. Wenn zum Beispiel Salary-Caps (Gehaltsobergrenzen) eingeführt werden, die im Nordamerikanischen Profi Sport (Baseball, Football, Basketball, Eishockey,…) schon längst üblich sind und für klare Verhältnisse sorgen. Genauso, wie die Rahmenbedingungen bei den Transfers, bei denen die sogenannten „Drafts“ auch den wirtschaftlich schwachen Clubs den Zugriff auf sportlich starke Spieler ermöglichen. Die Fußball-Clubs in Europa werden transparent, unsägliche Diskussionen über Finanzierungsmodelle hören auf. Keiner wird sich mehr zum Beispiel über Clubs wie RB Leipzig, die TSG Hoffenheim, Hannover 96 oder den FC Ingolstadt aufregen. Ähnlich, wie es keine Aufregung über den FC Bayern München, Schalke 04, Hertha BSC, oder die Borussen aus Dortmund gibt. Deren Haupteinnahmequellen schon seit Jahren eben auch nicht mehr der Verkauf von Eintrittskarten, Bratwürsten, Baguette, Bier oder Rotwein sind. Sondern die Gelder eben von Sponsoren, Investoren und von Millionen von Menschen kommen, die jeden Spieltag vor dem Fernseher sitzen.

Das Geld im Fußball wird im Wohnzimmer verdient

Womit wir beim Thema „Fernseher“ wieder bei uns selber gelandet sind. Das meiste Geld, das aktuell in den deutschen Profi-Fußball fliesst, kommt nämlich nicht von Sponsoren oder Investoren, sondern von den Fußball Fans. Hauptsächlich von denjenigen, die ein Abonnement von Sky Deutschland besitzen und dabei im Durchschnitt ca. 35 Euro pro Monat bezahlen. Bei knapp 5 Millionen Abonnenten sind dies im Jahr 2,1 Milliarden Euro. Und deswegen braucht man sich nicht wundern, dass es der DFL als Interessenvertretung der deutschen Profi-Clubs gelungen ist, einen neuen Rekord-Fernsehvertrag auszuhandeln. Der den Profi-„Vereinen“ ab der Saison 2017/18 pro Jahr 1,16 Milliarden Euro in die Kassen spült. Damit zwar immer noch weniger, wie in der englischen Premier-League, bei der für die Jahre 2016-2019 fast sieben Milliarden Euro für die Übertragungsrechte bezahlt werden. Aber immerhin fast das doppelte, als bisher.

Wem dieses System nicht mehr gefällt, kann es ja so machen wie ich

Zum Beispiel „abschalten“ und sein TV-Abo kündigen. Wieder dorthin gehen, wo man das Gras und die Bratwurst noch riechen kann und wo das Bier noch schmeckt. Seine Kumpels trifft und mit diesen herrlich über vergangene Zeiten schwärmen kann. Bei denen zwar auch nicht alles besser war, aber anders. Einfach zu einem ganz normalen Spiel in der Kreisliga gehen und dabei im Sekundentakt die ganze Faszination dieses Spiels erleben. Amateurhaft vergebene Torchancen, „Stockfehler“ (die einem selber natürlich nie passiert wären), hoffnungslos überforderte Trainer und Schiedsrichter, Helden und Versager, Tragödien und Triumphe. Und am nächsten Tag geht man zur Arbeit, als wäre nichts gewesen. Oder noch besser, am Abend auf den Platz als Trainer oder Betreuer zum Beispiel einer E-Jugend-Mannschaft. Sieht dort das Leuchten in den Augen der Spieler, die Begeisterung beim Spiel und freut sich an den Fortschritten, welche die Knirpse machen. Auch wenn die meisten dabei das Trikot ihrer Idole tragen und einmal genauso werden wollen, wie diese. Wie Ronaldo, Messi, Neuer, Boateng, Draxler, Neymar, Ibrahimovic, oder Aubameyang. Eigentlich hat sich seit Hundert Jahren bei diesem Sport nicht viel geändert. Die Seele des Spiels ist immer noch die gleiche und tut allen gut. Solange es nicht nur noch Geschäft ist…