Die „Jüngeren“ unter uns meinen vielleicht, dass die Bezeichnung Bananen Republik Deutschland erst im Zusammenhang mit den aktuellen Skandalen um die Automobilindustrie verwendet wurde. Oder ihre Historie in den noch gar nicht so weit zurückliegenden, kriminellen Zucker-, Wurst-, Bier-, Süßwaren-, Zement-, LKW- und vielen anderen Kartellen hat. Natürlich auch die beispiellosen Korruptions-Affären um deutsche Elektrokonzerne, Banken und Versicherungen nicht zu vergessen.

Die Flick Affäre, Boris Becker, Herr Guttenberg, Freddy Quinn und Uli Hoeness

Wobei beim Thema „Versicherungen“ tatsächlich der Ursprung des „Kunstwortes“ liegt. „Der Spiegel“ titelte nämlich schon am 4.5.1981 „Wie in einer Bananenrepublik“ über die Geschäftspraktiken der deutschen Lebensversicherer. Um dann drei Jahre später im Zusammenhang mit der Flick-Affäre um illegale Parteispenden den Begriff erneut aufzugreifen: „Seit Mitte Dezember 1981 liefert Bonn eine neue Definition: BRD = Bananenrepublik Deutschland.

Und wenn wir an die 80er-Jahre denken, dann ist diese Zeit untrennbar mit den Tennis-Legenden Boris Becker und Steffi Graf verbunden. Die aber leider genauso in Steuerskandale verwickelt waren, wie Paul Schockemöhle oder Freddy Quinn. Über andere Skandale aus dem Sport, wie die 1971 gekauften Bundesliga-Spiele, die Doping-Affäre um Radsport-Star Jan Ullrich, die Machenschaften im DFB   (siehe „Sommermärchen 2006“) und natürlich den Steuerbetrug von Uli Hoeness, könnte man ganze Bücher schreiben. Genauso, wie über die Plagiats-Affären vom ehemaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, der Ex-Bundesbildungsministerin! Annette Schavan, oder noch von vielen anderen Landes- und Bundespolitiker/innen.

Heute sind diese Geschichten auch bei den meisten von uns „Älteren“ schon längst vergessen. Oder einfach verdrängt. Weil es uns damals schon gut ging und jetzt erst recht. Zum wiederholten Mal Exportweltmeister, Herr Schäuble (war da nicht auch etwas bzgl. den „Bananen“?) jubelt über Steuereinnahmen auf Rekordniveau, die Arbeitslosigkeit ist auf dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung und das Privatvermögen der Deutschen war noch nie so hoch wie jetzt.

Mein Haus, Mein Auto, Mein Boot!

Jetzt bekommt auch der Werbeslogan einer Sparkasse plötzlich richtig Sinn. Bei dem es um „Mein Haus, Mein Auto und mein Boot“ ging. Um Statussymbole, für die manche schuften, koste es was es wolle. Auch ohne Rücksicht auf bestehende Regeln, Vorschriften oder Gesetze. So wie es uns ja auch vorgemacht wird, auch wenn manche bei diesem „koste es, was es wolle“ am Schluss erwischt werden.

Wobei diejenigen, die sich eben kein großes Auto, gerade mal eine kleine Mietwohnung und maximal ein Schlauchboot leisten können, sich dann halt manchmal anders helfen. Sich in die Schattenwirtschaft flüchten und zum Beispiel als Haushalts-/Küchenhilfe, Babysitter, Kellner, Gärtner oder Handwerker entsprechend „sparen“. Keine Rechnungen ausstellen oder verlangen und damit den Staat und die Gesellschaft ebenfalls um Steuern und Sozialversicherungen in dreistelliger Milliardenhöhe betrügen.

Vielleicht ist es ja bei einer „Bananen-Plantage“ und dem dort herrschenden Klima tatsächlich so, wie eine Untersuchung des Deutschen Instituts der Wirtschaft festhielt. Dass „je höher die Qualität der politischen Führung und der Unternehmensleistungen ist, desto niedriger das Ausmaß der Schattenwirtschaft“.

Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus

Aber wie kann so ein offensichtlich systematischen Lügen und Betrügen überhaupt funktionieren? Gilt bei den Betrügereien aus der Wirtschaft vielleicht auch wieder das alte Sprichwort über die Aufgaben und das Verhalten von Aufsichtsräten? Dass diese eben in guten Zeiten nutzlos und in schlechten Zeiten hilflos sind. Und dies nicht nur deswegen, weil immer mehr Aufsichtsräte vom vorherigen Vorstands-Sessel in den des Aufsichtsrats wechseln und damit schon per se befangen sein dürften. Genauso, wie Manager, die munter zwischen Politik und Wirtschaft hin- und her pendeln. Wie der jetzige Chef des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, der frühere CDU Politiker und Bundesverkehrsminister. Oder Eckart von Klaeden, jetzt Chef-Lobbyist bei Daimler und vorher Staatsminister im Kanzleramt. Und dass Joachim Koschnicke, bis vor kurzem noch „Vizepräsident bei Opel“, mit den Wahlkampf der CDU leitete, ist vielleicht nur Zufall. Genauso, wie es höchstwahrscheinlich nur „Zufall“ ist, dass Ronald Pofalla, als ehemaliger CDU-Generalsekretär und Chef im Bundekanzleramt, bei seiner Verantwortung als Mitglied des Vorstands für das Ressort Infrastruktur seine in der Politik erworbene „Fach-Expertise“ mit einbringen kann.

Kommt doch zuerst das Fressen und dann die Moral?

Wo bleibt eigentlich des „Volkes Zorn“ bei all diesen Machenschaften, Verflechtungen und Abhängigkeiten? Warum fliegen hier noch keine Tomaten, oder sogar Bananen? Warum lassen wir uns das einfach so gefallen? Oder ist es vielleicht einfach so, dass diese herrschende (Un) Kultur auch die Hauptursache für die sinkende Beliebtheit des aktuell herrschenden Vorstandes dieses „Unternehmens“ ist? Nämlich der von Angela Merkel und ihrer Partei. Die zwar wieder einmal sehr schlau mit ihren Slogans von „keinen Experimenten“, oder „Sie wissen, was Sie an mir haben“ für die Beibehaltung des Status Quo warb. Dafür zwar nicht mehr die höchste Zustimmung erhalten hat, aber im Vergleich zu anderen Parteien mit Abstand immer noch die größte.

Haben sich nicht nur ihre Wähler/innen einfach an das herrschende System gewöhnt, weil alle wissen, was dabei gespielt wird und was man selbst davon hat? Hat Bertolt Brecht doch recht, dass zuerst das Fressen kommt und dann die Moral? Dass ehrlich nur der Dumme und erfolgreich nur der Trickser ist? Ist bei vielen von uns im Zweifel einfach immer noch „Geiz geil“, nicht nur bei Autos, Benzin, Lebensmitteln und Bekleidung? Und ist schlicht die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz daran schuld, dass nicht nur die Beschäftigten in der Automobil-Industrie zwar mit geballten Fäusten in der Tasche die Machenschaften ihrer Vorstände beobachten? Aber eben auch genau wissen, dass sie von diesen auch abhängen.

Aber Angela Merkel und Bertolt Brecht hin oder her, eines ist klar: Jede Organisation, jede „Bananen Republik“ wird irgendwann die Geister nicht mehr los, die sie gerufen hat. So wie die „Paten“ dieser Wortschöpfung, die mittelamerikanischen Staaten, wie etwa Honduras, Nicaragua oder Panama. Deren Politik und Staatsgeschäfte über Jahrzehnte durch den Einfluss der großen US-amerikanischen Südfruchtexporteure bestimmt wurden und deren Regierungen in dieser Zeit gerne diese Abhängigkeit genossen.

Je länger sich aber auch bei uns Unternehmen und die Gesellschaft an die Annehmlichkeiten von Korruption, illegalen Absprachen, oder das Ausnutzen von Steuerschlupflöchern gewöhnen, umso größer wird gleichzeitig die Gefahr der Trägheit, Abhängigkeit und Bequemlichkeit. Noch geniessen zwar viele die Vorteile dieses Systems und noch liegen wir mit unserem Gütesiegel Made in Germany vor den Bananen-Produzenten. Die große Frage ist nur: Wie lange noch?