Jeder von uns hat ja unterschiedliche Erinnerungen an den stürmischen Herbst des Jahres 1989 . Als der Wunsch nach Freiheit übermächtig wurde und dafür Hunderttausende von Menschen in einer „Deutschen (aber ganz und gar nicht Demokratischen) Republik“ ihr sicheres Zuhause verliessen und auf die Strassen gingen.

Heute blickt jeder von uns in einer unterschiedlichen Situation und mit eigenen Erfahrungen auf die letzten 28 Jahre zurück und zieht eine persönliche Bilanz. Ich erlebte den Herbst 1989 staunend vor dem Fernseher. In einer Stadt (München), in der es damals schon den meisten Menschen gut ging und in der damals schon viele mit dem östlichen Teil Deutschlands wenig anzufangen wussten. Ja, man erinnerte sich noch an eine peinliche Niederlage der DFB-Elf an die DDR-Auswahl beim WM-Turnier 1974 in Hamburg. Wir verfolgten gerne die Auftritte von Kati Witt, mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin 1984 und 1988. Wussten aber ehrlich gesagt auch nicht so genau, wo ihre zwischenzeitliche Heimatstadt, Karl-Marx-Stadt, wirklich lag. Eigentlich interessierte uns dies auch nicht so wirklich.

Aber was uns immer mehr interessierte, war das immer lauter werdende Grollen hinter einer Mauer, die seit fast 30 Jahren Menschen angeblich beschützen sollte. In Wahrheit aber innerhalb von wenigen Tagen Familien auseinanderriess und ganze Landstriche vom Leben trennte. Und ein Bauwerk, wegen dem Hunderte von Menschen zu Tode kamen. Nur, weil sie mit ihren Liebsten einfach wieder zusammenleben, oder einfach ihr Glück woanders suchen wollten.

Die friedliche Revolution: Hoffnung und Glück für viele Menschen

Es kamen die Tage im Herbst 1989. Im Westen Deutschlands verfolgten Millionen von Menschen mit ungläubigem Staunen, wie auf der anderen Seite der Mauer Millionen von Menschen friedlich gegen Bevormundung, Überwachung, Kontrolle und Repressalien kämpften. Jeden Tag wurden es mehr, fast Stündlich wuchs die Anspannung. Und vor allem die Sorge, wie lange sich das damalige Regime und die Machthaber (die damalige UdSSR) im Hintergrund diesen Aufstand ihrer „Untertanen“ gefallen lassen würden. Oder ob es wieder so käme, wie schon 1953, als am 17. Juni schon einmal Hunderttausende von Menschen mutig und kraftvoll für Senkung der Normen, Freilassung der politischen Häftlinge, Rücktritt der Regierung, freie Wahlen und die Einheit Deutschlands demonstrierten. Aber die Panzer der Besatzungsmacht den Aufstand zum Erliegen brachten.

Um diesem Schicksal zu entgehen machten sich im Sommer 89  sicherheitshalber die Menschen auf den Weg. Flüchteten aus ihrer Heimat, getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben und auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder. Und es klingt wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte, wie eine verpätete Wiedergutmachung für die Geschehnisse von 1953, wie die erneute „Revolution“ endete: Nämlich friedlich, ohne einen einzigen Schuss und mit einem grotesken, von niemandem vorhergesehenen „Finale“. Mit einem einfachen Satz, vermutlich missverständlich vorgelesen und/oder interpretiert, wurde das „Gefängnis“ am 9. November 1989 für gut 16 Millionen Menschen geöffnet, der Weg zu einem wieder vereinten Deutschland war frei. Und es dauerte nicht einmal ein Jahr, bis am 3. Oktober 1990 diese Wiedervereinigung auch offiziell beschlossen und besiegelt wurde.

Seit 15 Jahren lebe ich jetzt „auf der anderen Seite“ der ehemaligen Grenze und blicke auf meine Erlebnisse seit dem Mauerfall zurück. Denke daran, dass ich mein persönliches Glück ohne dieses „Wunder“ nie gefunden hätte und wie vielen großartigen Menschen ich in den letzten Jahren begegnet bin. Ich denke aber auch daran, eigentlich grüble ich immer mehr darüber, wie viele unzufriedene, enttäuschte und frustrierte Menschen es in meiner neuen Heimat gibt. Von denen bestimmt viele von einem Leben in Freiheit und in Wohlstand träumten und denen sogar „blühende Landschaften“ versprochen wurden.

Der Wunsch nach einer neuen Mauer

Zu meinem Entsetzen sehe ich jetzt wieder ähnliche Bilder wie damals. Aber doch wieder ganz andere. Wieder Menschen, die auf Strassen und Plätzen „Wir sind das Volk“ rufen und Politiker/innen als Verräter beschimpfen. Deren Bilder sogar am Galgen und ihre Abneigung gegen alles „Fremde“ offen zur Schau tragen. Ich frage mich: Was ist nur mit diesen Menschen passiert, woher kommt ihre Wut, bei manchen sogar ihr Hass? Ist es ihre persönliche Lebenssituation, ihre Enttäuschung darüber, was aus ihren ursprünglichen Erwartungen geworden ist? Dass nach dem Mauerfall komplette Lebensentwürfe „umgeschrieben“ wurden und viele Menschen komplett von vorne anfangen mussten? Beziehungen auseinandergingen, der Zusammenhalt auseinanderbrach und sich jeder plötzlich selbst der nächste war? Oder ist es einfach die immer noch herrschende Abneigung gegen jegliche „Zentralregierungen“, egal, wie immer die auch heissen mögen?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass viele dieser Menschen am liebsten wieder eine Mauer um sich, ihren Besitz und um das ganze Land haben möchten. Die man aber dieses Mal je nach Belieben auf „Geschlossen“ oder „Offen“ einstellen kann. Zum Beispiel auf „Geschlossen“, damit die die Not und das Elend der ganzen Welt nicht zu ihnen kommen und an ihre Türe klopfen kann. Aber die Schätze dieser Welt sehr wohl, auf denen auch unsere Lebensart und unser Wohlstand basieren. Egal, ob billiges Öl für billiges Benzin, billige Arbeitskräfte für billige Produkte, exotische Früchte und Speisen zu jeder Tageszeit sowieso. Und selbstverständlich „Offen“, wenn man selber in diese Regionen reisen und seine eigenen Produkte mit Profit vermarkten möchte. Egal, ob es sich dabei um Rüstungsgüter, Abfälle aus einer hoch subventionierten Fleischproduktion, oder um illegalen Elektroschrott und sonstigen Giftmüll handelt.

Der Wunsch nach dieser „flexiblen“ Mauer scheint auf den ersten Blick zwar schizophren, ist aber auch zu verstehen. Menschen sind einfach so angelegt, dass sie den Wunsch nach Freiheit UND gleichzeitiger Sicherheit haben. Nach körperlicher UND finanzieller Sicherheit. Sich nicht jeden Tag Sorgen um die eigene Existenz und ein auskömmliches Einkommen machen zu müssen. Darüber, ob der Arbeitsplatz sicher ist, die Mieten bezahlbar bleiben und die Rente zum Leben reicht. In einem „eingeschlossenen“ Deutschland mussten sich die Menschen darüber offensichtlich weniger Sorgen machen. Dort, wo die Menschen in ihrem „früheren“ Leben zwar weniger hatten, dieses wenige aber zum Leben reichte und auch bei den Nachbarn und Kollegen die Regel war. Und es deswegen auch wenig Raum für Neid und Missgunst gab.

Viele Menschen scheinen aber schon vergessen zu haben, welchen „Preis“ sie für diese vermeintliche „Sorgenlosigkeit“ und Sicherheit zu zahlen hatten. Eben Einschränkung der persönlichen Freiheiten, permanente Kontrolle und Überwachung. Von den unsäglichen Lebensbedingungen innerhalb verkommener Infrastrukturen (Strassen, Häuser, …), dem Leben  mit verpesteter Luft und den eingeschränkten Reise- und Berufsmöglichkeiten ganz zu schweigen.

Freiheit bedeutet auch Verantwortung

Für viele Menschen scheint es zusätzlich schwer zu verstehen zu sein, dass Freiheit auch gleichzeitig bedeutet, Verantwortung für das eigene Leben nicht mehr jemand anderem überlassen zu können. Nicht mehr einem „anonymen“ Staat, der sich zum Beispiel um Arbeit oder Wohung kümmert. Sondern, dass man die Verantwortung selber zu tragen hat, mit allen Konsequenzen. Und wenn diese Verantwortung eben auch bedeutet, dass man nicht mehr erwarten kann, dass die Arbeit dorthin kommt, wo man gerade lebt. Sondern, dass man im Zweifel sein eigenes Schicksal selbst in die Hand nehmen und auf „Wanderschaft“ gehen muss.

Was ist Ihnen jetzt wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?

Jeder von uns bewertet diese Frage bestimmt anders. Weil es dazu unterschiedliche Einstellungen, Erfahrungen und Ansprüche gibt. Aber eines ist klar: Hunderprozentige Freiheit gepaart mit Hunderprozentiger Sicherheit kann  und wird es nicht geben. Unsere Persönlichkeit entwickeln und unser Leben so zu leben, wie wir es gerne leben möchten, ohne unser eigenes Zutun und ohne das Eingehen von Kompromissen ebenfalls nicht. Genauso, wie die persönliche Freiheit dort ihre Grenzen hat, wo sie die Freiheit des anderen beeinträchtigt, oder sie sich ausserhalb der geltenden Gesetze befindet.

Zu dieser Freiheit nach seinen eigenen Vorstellungen glücklich zu werden, gehört aber normalerweise auch eine gewisse Sicherheit. Sei es die finanzielle Absicherung, oder der Schutz unserer körperlichen Unversehrtheit.  Auf der anderen Seite wird es eine Hundertprozentige Garantie für diese Sicherheiten ebenfalls nicht geben können. Auch, weil den Grad dieser Sicherheit jeder für sich selber anders definiert und sie oft nur ein diffuses „Gefühl“ ist. Und wer etwas neues wagen möchte, gibt damit natürlich auch einen Teil seiner bisherigen Sicherheit auf und begibt sich in ein oft unkalkulierbares Risiko. Ähnlich, wie diese „Reise“ in das Ungewisse (eigentlich unser ganzes Leben) John A. Shedd (amerikanischer Schriftsteller) beschrieben hat: Ein Schiff im Hafen ist sicher, doch dafür werden Schiffe nicht gebaut.

Vielleicht helfen Ihnen ja zur abschliessenden Bewertung Ihrer eigenen Vorstellungen von Sicherheit und Freiheit weitere Anregungen, welche Aristoteles beziehungsweise Benjamin Franklin zugeschrieben werden:

  • „Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave.“
  • „Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren“.

Heisst dies jetzt, dass wir erst dann wieder bereit sind, für Freiheit zu kämpfen, wenn für uns die Nachteile einer entsprechenden Sicherheit zu groß werden? Wie ist Ihre Antwort auf die eingangs gestellte Frage: Was ist Ihnen wichtiger und welche Kompromisse wären Sie bereit, einzugehen?