Ernst Holzmann: Erlebnisse - Erfahrungen - Erkenntnisse

Meine Gedanken über das, was im Leben wirklich zählt.

Zusammen-Leben

Meine Fahrt mit Noah, Orkan Herwart und dem Regenbogen

Ich war auf der Rückfahrt nach Potsdam von meinem alle fünf Jahre stattfindenen Klassentreffen im Allgäu. Es war Sonntag Vormittag und ich dachte an  die heftigen Diskussionen mit meinen ehemaligen Schulkameraden, als wir uns am Abend zuvor über die sogenannte Flüchtlingskrise und die Grundwerte unseres Zusammenlebens in die Haare kriegten.

Im Autoradio lief auf Bayern 1 die Katholische Morgenfeier, bei der es um „Fremde“ („du sollst diese nicht ausnützen oder ausbeuten“) und das Christengebot der Nächstenliebe ging. Und nach einer kurzen Zwischenmusik begann die Evangelische Morgenfeier. Mit Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk aus Marktbreit. Sie sprach über Noah und den Regenbogen und „den gnädigen Gott“ (Gen 8,18-22+9,12). Daraus einige Auszüge:

„Der Regenbogen ist mehr als Lichtbrechung

Noah und der Regenbogen! Liebe Hörerinnen und Hörer, diese biblische Geschichte wird heute in den evangelischen Kirchen erzählt. Jene Geschichte aus den Urzeiten, bei der durch eine unsägliche Flut fast alles Leben auf der Erde zerstört wird. Dann aber hört die Flut auf, die Wassermassen gehen zurück und Gott setzt mit einem Regenbogen ein Zeichen an den Himmel. Alles scheint gut. Das Fenster zum Leben und zur Zukunft der Menschheit ist wieder geöffnet. Ich erinnere mich an Kindergottesdienste, Konfirmandenund Religionsstunden mit dieser eindrücklichen Geschichte. Meistens haben wir daraufhin mit Buntstiften, Wasserfarben oder Fingerfarben, einmal sogar mit Straßenkreide auf den blanken Asphalt einen schönen farbenfrohen Regenbogen gemalt. Ich erinnere mich auch an viele Gemeindehäuser in meiner Jugend, in denen ein Wandteppich hing. Darauf die ArcheNoah, Tiere in Zweierpaaren, die einsteigen und darüber ein Regenbogen. Aber auch Regenbogenstifte, Regenbogenaufkleber, Blöcke und Schals waren damals angesagt. Heute erscheint mir das alles ziemlich kitschig und typisch 70er Jahre.

Und dennoch: wenn ich einen echten Regenbogen sehe, empfinde ich diesen wie einen Wink Gottes. Ich denke dann jedes Mal: „Wie schön, ein Regenbogen!“ Und ich verspüre ein ganz positives Gefühl, eine innere Zuversicht. Als wolle mir Gott sagen: „Sei ganz beruhigt, ich bin da„. Na ja“, möchte ich dann jedes Mal sagen, „so einfach ist das aber nicht.“ Ich denke nicht, dass Gott uns immer klasse findet. Es gibt eine Spannung zwischen dem, was wir tun, denken und hoffen und dem, wie Gott uns trotzdem gnädig ansieht. Wir beuten die Ressourcen der Erde in zügelloser Art aus, wir treiben die Klimaerwärmung in bald nicht mehr zu stoppende Höhe und wir wirtschaften weltweit so, dass jeden Tag immer noch 15.000 Kinder an Hunger sterben. Wir haben gelernt, das zu verdrängen, so zu tun, als gäbe es das nicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott das gnädig weglächelt.

In diesem Herbst haben sich Unwetter ereignet, Tornados, Hurrikanes, Überschwemmungen, Stürme. Amerika, die Karibik, Bangladesch, Europa, Deutschland. Deutliche Anzeichen eines veränderten Klimas auf der ganzen Welt. Werden uns die großen Klimakatastrophen überrollen, die uns die Klimaforscher weltweit vorhersagen? Werden wir noch rechtzeitig einlenken, den CO₂-Ausstoß verringern oder andere Möglichkeiten finden die Ozonschicht rund um die Erde zu kitten? Werden wir es schaffen unser Verhalten zu ändern, und unserer Verantwortung für zukünftige Generationen nachzukommen? Oder werden wir gnadenlos in unserer Bequemlichkeit und Gier weitermachen, ganz egal welche Stürme unsere Kinder, Enkel und Urenkel einmal erleben werden, die wir jetzt verursachen. Wer kann das schon einschätzen?

Zwischen dem grandiosen Anfang mit der Erschaffung der Welt und des Menschen, und der Erkenntnis Gottes, dass er sich im Menschen gründlich getäuscht hat, dauert es, in der Einteilung der Lutherbibel, gerade einmal sechs Seiten, bis es zu Beginn der Noah-Geschichte heißt: (Gen 6,5-8)

„Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es den Herrn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.“

Das ist eine ziemlich heftige Geschichte. Sie malt das Bild eines Gottes, der zornig und wütend ist, der so außer sich gerät, dass er nur noch zerstören möchte, was er geschaffen hat. Aber ich möchte nicht weichen von dem Wort der Hoffnung, das uns gegeben ist. Ich denke, dass es die Kraft hat, Menschen, Haltungen und Sichtweisen zu verändern. Anders als die Angst hat Hoffnung keine lähmende Wirkung. Wer aus der Hoffnung lebt, packt an. Wer aus der Hoffnung lebt, sieht weiter und hat Visionen.

„Es soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Das ist eine starke Ansage aus der Noah-Geschichte. Sie reißt heraus aus aller Weltuntergangsmelancholie, sie ruft zur Verantwortung und zum Handeln, und sie ermutigt mit einer altkirchlichen Formel zu bitten: Dazu helfe uns, der gnädige Gott!“

Beide Morgenfeiern waren vorbei, es kamen die Nachrichten. Neben dem Orkan Herwart und seinen angerichteten Schäden (ausgefallene Züge und Flüge, entwurzelte Bäume, abgedeckte Häuser,…) wurde auch über den kritischen Status der Verhandlungen einer möglichen „Jamaika“-Regierungskoalition berichtet. Bei denen sich die „Christlichen“ Parteien heftig mit den „Grünen“ in die Haare gekommen waren. Auch über die gegensätzlichen Positionen bei „Obergrenzen“ und Familiennachzug für Flüchtlinge. Und über das Einhalten der schon vor Jahren unterschriebenen Vereinbarungen über den Klimaschutz und die dabei zu erreichenden Ziele.

Gnädiger Gott, dachte ich mir am Ende der Nachrichten: Gib uns bitte noch eine Chance und ein bisschen Zeit! Und während der ganzen verbleibenden Fahrt im Wechsel durch Sturm, Sintflutartige Regenfälle und plötzlich durchbrechender Sonne, hielt ich Ausschau nach einem Regenbogen. Aber leider vergeblich. Ich hoffe, dies war kein böses Omen….

 

Die komplette Evangelische Morgenfeier ist unter diesem Link nachzulesen (über Download des PDF):http://www.br.de/themen/religion/sendungen/morgenfeiern/ev-20171029-morgenfeier-100.html

2 Kommentare zu „Meine Fahrt mit Noah, Orkan Herwart und dem Regenbogen

  1. Ein sehr zum Nachdenken anregender Text – vielen Dank! Ich sehe Gott nicht zornig und wütend sondern liebend und eben auch voller Hoffnung. Er wird nicht nachlassen zu glauben, dass die Menschheit es schaffen kann. Allerdings sind die Menschen eben auch wie Tag und Nacht, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Yin und Yang…. Ich bin auch häufig enttäuscht über die Ignoranz und Intolleranz der Menschen und auch ich frage mich manchmal, kann ich diesem oder jenem trauen. Aber auch meine Liebe und meine Hoffnung ist groß und ich will nicht mit Angst und Misstrauen den Menschen gegenübertreten. Wichtig bleibt das Einmischen, Auseinandersetzen, Fragen-stellen, Einbringen – damit das Gleichgewicht bleibt, ein Regenbogen entstehen und vielleicht als Brücke dienen kann….

    Gefällt mir

  2. 🌈 Der Regenbogen ist selten zu sehen und schenkt all denen Hoffnung, die den vermissen und wahrnehmen sobald er da ist!
    Ich glaube manchmal, dass einige ihn gar nicht sehen wollen oder können, weil deren schwarze Wolke so groß geworden ist…..!
    Das ist sehr schade und wirklich traurig 😌

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: