„Unsere Welt ist jedenfalls viel zu komplex, um von derartig einfachen Gehirnen regiert werden zu können.“ Dies ist eine der Kernthesen von Roland Burk* der sich die nachfolgenden Gedanken über die Entwicklung unserer Gesellschaft gemacht hat. Und auch darüber, wer am Ende gewinnen wird: Menschlichkeit oder Egoismus, Machtstreben und Narzissmus.

„Vor dem Hintergrund der Flüchtlingsdebatte wird heute wieder viel von „Werten“ gesprochen. Wir wollen die Werte der abendländischen Demokratien vor Angriffen hauptsächlich von rechts verteidigen. Was sind denn das für Werte, die wir für so schützenswert halten und woher kommen sie überhaupt? Könnte es nicht auch sein, dass fremde Werte wertvoller sind als unsere eigenen?

Gibt es einen Maßstab, an dem der Wert eines Wertes bemessen werden kann?

Immer wieder wird behauptet, dass dieser Maßstab nur von Gott kommen kann, also von einer Instanz, die über uns Menschen und den Dingen steht. Leider haben bisher alle naturwissenschaftlichen Versuche versagt, die Existenz einer derartigen transzendenten schöpferischen und führenden Instanz zu beweisen. Im Gegenteil mehren sich im aufgeklärten Teil der westlichen Welt bei neutralem, unvoreingenommenem, wissenschaftlichen Blick auf die Wirklichkeit die Indizien, dass es eine objektiv fassbare Instanz gar nicht gibt, von der wir einen Plan oder eine Führung erwarten dürfen, die uns Halt, Sinn und Geborgenheit gibt. Im Lichte der verschiedenen kopernikanischen Wenden oder „Kränkungen“ durch die Entdeckungen von Kopernikus, Galilei, Freud, Darwin und des selbst für Gläubige kaum zu begreifende Theodizeeproblems hat Gott für viele, wie auch für mich, in der irdischen Realität seinen Platz schon ganz verloren.

Stattdessen wird der Gottesbegriff immer abstrakter und hat für viele Menschen nur noch Platz in ihrer Gefühlswelt als Spender von Trost, Hoffnung, Liebe und Sinn in schwierigen Lebenssituationen. Was wäre das für ein Gott, der so viel unschuldiges Leid in der Welt zulässt und teilnahmslos und seelenruhig zuschaut, wie wir uns im Kampf um die Vormachtstellung zur Verteilung der letzten Ressourcen die „Köpfe einschlagen“ und wir ähnlich einem Hefepilz in einer Zuckerlösung alle Ressourcen der Erde in einer erdgeschichtlich enorm kurzen Zeit ausbeuten und ingiftigen Müll umwandeln, um uns selbst dadurch die Lebensgrundlage zu entziehen.

Als naturalistischer Humanist bin ich überzeugt davon, dass es an der Zeit ist, uns selbst einen nachhaltigen ideologie- und interessenfreien Maßstab zur Messung des Wertes von Werten zu suchen. Ich bin überzeugt davon, dass wir diesen Maßstab längst haben. Er liegt mehr oder weniger extrem „verschüttet“ in jedem von uns. Es gibt in allen Völkern und Religionen herausragende Persönlichkeiten, die es geschafft haben, diesen Maßstab durch geistige Anstrengung und Herzenswärme „freizulegen“ und ihr eigenes Denken und Handeln danach auszurichten.

Jesus von Nazareth als Zentralfigur des Christentums war eine dieser Persönlichkeiten. Er hat sein ganzes Leben bis zum Märtyrertod der Aufgabe gewidmet, uns Menschen darin zu unterstützen, diesen Maßstab in uns zu finden und freizulegen. Wenn ich in dieser Zeit gelebt hätte, dann hätte ich mich sofort „fischen lassen“ und wäre ein treuer Anhänger geworden. Es gab aber auch viele andere Persönlichkeiten, die das mit oder ohne Gottesbezug ebenso getan haben. Ich möchte die vielen Namen hier nicht alle aufzählen. Bei uns Durchschnittsmenschen wird dieser Maßstab jedoch zunehmend seltener und nur kurzfristig sichtbar. Wir nennen es dann auch Gewissen.

Nachdem wir in der Weltgeschichte immer wieder gesehen haben, wie der Gottesbegriff zur Autoritätsverleihung und Festigung von Machtpositionen missbraucht und institutsionalisiert wurde und wird, kommt dem Humanismus und der Aufklärung mit ihrem naturwissenschaftlich geprägten Welt- und Menschenbild eine wachsende Bedeutung zu. Nur sie können die Objektivität liefern, um unsere moralischen Bewertungssysteme nachhaltig und interessenfrei zu begründen. Die ersten respektablen Ergebnisse sind die universellen Menschenrechte und auch unser deutsches Grundgesetz. Man verzeihe mir, dass ich der objektivierenden naturwissenschaftlichen Sichtweise und der darauf aufbauenden Philosophie eine ganz wichtige Rolle zuschreibe, obwohl sie eigentlich wertneutral sind. Mir geht es nicht um eine Abgrenzung und Heraushebung einer elitären Minderheit, die für sich in Anspruch nimmt, den Stein der Weisen gefunden zu haben. Nein, es geht mir um eine Methodik des ideologiefreien und interesselosen Erkenntnisgewinns, hin zu einem Erkenntnisgebäude, das der gesamten Menschheit zugänglich sein sollte. Wie alle Weltmodelle wird auch dieses immer fehlerhaft sein, wir können und sollten aber gemeinsam versuchen, es ständig zu verbessern.

Im naturwissenschaftlichen Menschenbild geht man mit hoher Evidenz davon aus, dass der Mensch als Produkt der biologischen Evolution aus dem Tierreich hervorgegangen ist und damit auch sein Verhalten noch sehr stark durch seine archaischen Gehirnstrukturen beeinflusst ist. Diese ca. 200 Millionen Jahre alten Gehirnstrukturen und ihren Funktion blieben seit dem Zeitalter der Reptilien, Saurier und frühen Säugetieren weitgehend unverändert und trieben die biologische Evolution in sehr erfolgreichem Maße bis zu uns Menschen voran.

In diesem „Reptiliengehirn“, dessen „Intelligenz“ sich letztlich aber auf nur ganz wenige Begriffskategorien wie „Ich“, „Macht“ und „Sex“ reduzieren lässt, sind die egoistischen Triebe verankert, die nur den Schutz des eigenen Lebens, seiner Grundlagen und die Weitergabe der eigenen Gene in die nächste Generation zum Ziel haben. Dieses Gehirn konnte noch kein Gewissen entwickeln, denn es war komplett „Ego-zentriert“ und kannte keine Alternative. Deshalb kann man Raubtiere auch nicht als „böse“ bezeichnen.

Erst durch die evolutionäre Ausbildung unseres Großhirns und in besonderem Maße unseres Frontalhirns mit seiner Fähigkeit zur Objektivierung und Abstraktion sind wir Menschen erstmals befähigt worden, unser Tun und uns selbst im Geiste „von außen“ zu betrachten und uns als eines unter vielen anderen Individuen mit seiner inneren Bedürfnis- und Interessenwelt zu begreifen. In dieser noch immer nicht überwundenen Jahrausende dauernden „Menschwerdungsphase“ entstanden meiner Überzeugung nach viele Mythen, Ideologien und Religionen, die sich mit Begriffen wie „Gut“ und „Böse“, „Sünde“ und dergleichen auseinander setzten, um irgend eine Ordnung in die moralische Begriffswelt zu bringen. Der Begriff der „Menschenwürde“ ist einer der jüngeren Begriffe, der alle Menschen auf die gleiche Stufe stellt und Asymmetrien in den Machtkorrelationen eigentlich verbieten sollte. Leider sind wir immer noch Lichtjahre davon entfernt.

Diese hauptsächlich vom Frontalhirn ermöglichte Sichtweise auf die Welt ist geistig anstrengend und wird im Alltag durch unsere egozentrierte Umwelt und deren Systeme im Allgemeinen „zugeschüttet“.

Meiner Wahrnehmung nach lässt sich die gesamte moralische Begriffswelt auf den Kampf dieser beiden Gehirnstrukturen zurückführen. Das Gewissen in uns meldet sich immer dann, wenn uns ein Konflikt zwischen den beiden Motivwelten ins Bewusstsein gelangt. Es geht also um den dominierenden Einfluss auf unser Denken und Handeln durch das Frontalhirn als Befähigungsorgan für objektivierende Logik, Vernunft und Weisheit einerseits und das „Reptiliengehirn“ als Sitz von Egoismus, Hybris, Narzissmus und individuellem Machtstreben andererseits. Dieses Jahrmillionen alte Spannungsfeld ist die Wurzel allen Übels und es besteht die Gefahr, dass die Menschheit die kritische Übergangsphase von der biologischen Evolution zur kulturellen Evolution nicht erfolgreich durchschreiten kann, sondern unseren Planeten mit seiner uns zuträglichen Biosphäre und uns selbst vorher vernichtet.

Leider wird die Welt heute mit ganz wenigen Ausnahmen von Menschen dominiert, die ihr Frontalhirn als reines Verstärkungsorgan ihres „Reptiliengehirns“ gebrauchen, denn wer das nicht tut, kommt auch nicht zu Macht und Einfluss. Das verdeutlichen die vielen verschiedenen Intelligenz- Begriffe, denen unterschiedliche Dominanzanteile der beiden konkurrierenden Gehirnarealezugeordnet werden können. Um das zu verdeutlichen, kann folgende Grafik dienen:

Intelligenz-Gaußkurve der Mensch_heit

Diese Kurve zeigt auf der x-Achse verschiedene Intelligenzbegriffe, die ich nach meinem subjektiven Empfinden zwischen den beiden extremen Dominanzpolen einsortiert habe. Die y-Achse stellt die Zahl der Individuen dar, deren Handlungsmotivation den unterschiedlich gewichteten Motivationspolen zugeordnet ist. Die hypothetische Verteilungskurve habe ich als Gauß’sche Glockenkurve dargestellt.

Ich bin überzeugt davon, dass wir uns und unseren Planeten nur retten können, wenn es uns gelingt, den Schwerpunkt dieser Verteilungskurve nach rechts zu verschieben (nicht zu verwechseln mit dem politischen Spektrum, das ich eher gespiegelt ansehen würde). Dies betrifft besonders die Verantwortungs- und Entscheidungsträger unserer Gesellschaft. Dazu könnten wir – das normale Volk – versuchen, diese zwischen den beiden extremen Motivationspolen hinsichtlich ihrer Verhaltenssteuerung einzusortieren, was mit den modernen Medien sicher leicht möglich wäre. Schnell wären die Autokraten, Oligarchen und korrupten und narzistischen Machthaber entlarvt. Über eine Internetplattform könnte das Volk seine Vertreter je nach ihrer Motiv-Dominanz sehr gut bewerten.

Wie bei der Kursbildung an der Börse (einem beispielhaften Produkt eines Ego-zentrierten Machtapparates), würde sich jede Person an dem Ort der x-Achse einpendeln, an dem die Zahl der Verschiebungen nach links und nach rechts gleich groß ist. Damit würde auch ein einfaches dynamisches Feedback-Instrument für das tägliche Tun unserer Verantwortungs- und Entscheidungsträger geschaffen und zur verantwortungsvollen Machtausübung diszipliniert. Hätte Donald Trump dann noch eine Chance gehabt?

Heute wird viel über Populismus und die Phänomene diskutiert, die wir aus unserer dunklen deutschen Vergangenheit gut kennen. Ich sehe uns in größter Gefahr, dass wieder eine Eigendyamik entsteht, die wir nicht mehr einfangen und kontrollieren können. Der Grund dafür ist, dass sich die einfachen, archaischen Gehirnstrukturen wegen der geringen Zahl von Freiheitsgraden sehr leicht in einen Resonanz- oder Kohärenz-Zustand bringen lassen, wie uns Pegida-Demos, manche Stammtischrunden oder Fußballspiele mit ihren hirnrissigen Ausschreitungen lebhaft vor Augen führen.

Wer dies beabsichtigt, zündelt in einer Welt, die von einem Dickicht aus Zündschnüren durchzogen ist, die alle zur letztendlich unaufhaltsamen apokalyptischen Selbstzerstörung der gesamten menschlichen Zivilisation führen. Denn durch einen kaum zähmbaren Lawineneffekt und die zunehmende Technisierung der Kriege wird sogar die im Reptiliengehirn verankerte natürliche „Beißhemmung“ quasi ausgeschaltet. Ist den Mächtigen und Waffenexporteuren dieser Welt dies überhaupt bewusst? Wahrscheinlich nicht!

Unsere Welt ist jedenfalls viel zu komplex, um von derartig einfachen Gehirnen regiert werden zu können. Großhirne haben dagegen den Nachteil, dass sie aufgrund der vielen Freiheitsgrade praktisch nicht in einen ähnlichen „Kohärenzzustand“ gebracht werden können. Auch gelingt es fast niemandem vollständig, sein eigenes „Reptiliengehirn“ einfach schnell mal „abzuschalten“, wenn es um Probleme hoher Tragweite geht. Hier tragen besonders die Medien eine große Mitverantwortung. Mir jedenfalls fällt oftmals auf, dass viele Interview-Techniken auf die Stimulation der Reptiliengehirne der befragten Verantwortungsträger ausgerichtet sind, offensichtlich um „Quote“ zu bringen.

Wir können aber wenigstens versuchen, den dargestellten Sachverhalt immer wieder in unser Bewusstsein zu bringen. Denn dieses evolutionsbiologisch junge Frontalhirn unterscheidet uns von unseren tierischen „Vorfahren“. Die Pflege und Kultivierung dieses Gehirnareals können wir auch als „Gewissens- und Kompetenzbildung“ bezeichnen, wenn sie mit positiven „Gefühlen unseres Herzens“ (einem ebenfalls vorhandenen positiven Motivator unserer archaischen Gehirnstruktur) wie Liebe und Empathie für unsere Mitmenschen gepaart wird. Diese Gewissensbildung muss bereits in der frühkindlichen Erziehung einsetzen. Wir müssen dabei allerdings in Kauf nehmen, dass damit eine Begrenzung individueller Freiheit einhergeht. Es wird aber die integrale Freiheit aller Menschen letztlich maximieren und das sollte das Ziel einer objektivierenden mit Empathie gepaarten Verhaltenssteuerung sein. Dieses Streben sehe ich als unseren moralischen Kompass an, der uns erst zu wirklichen Menschen macht.

Ich halte es für wichtig, diesen naturwissenschaftlich begründbaren Mechanismus der menschlichen Verhaltenssteuerung einer großen Zahl von Menschen bewusst zu machen. Warum beispielsweise gibt es in den Schulen immer noch kein Fach, in dem der Mensch etwas über sich selbst lernt? Menschenkunde, Verhaltenssteuerung, Psychologie, Gewissensbildung, Konflikt- und Motivationsforschung sowie Erziehungskunde böten genug Lehrstoff, um die ganze Schullaufbahn zu begleiten. Die nächste Generation würde es uns danken.

*Der Autor dieses Beitrags, Diplom-Physiker Roland Burk, bezeichnet sich als „Naturalist und Humanist“. Beschäftigt sich intensiv mit naturwissenschaftlichen, philosophischen und erkenntnistheoretischen Themen im Umfeld der Grundlagen-, Energie- und Gehirnforschung.  Ein Leitsatz aus seinen Studien: „Demokratie ist Demut vor der Vernunft der Mehrheit, Autokratie ist Demut vor der Hybris eines Einzelnen!“