Dieser Aufruf kommt von meiner Gast-Autorin Dr. Andrea Friedrich* auf Basis ihrer vielfältigen Einblicke in Unternehmen, deren Abläufe und deren Kultur.

„Ich behaupte, dass Unternehmen, egal in welcher Größe und egal in welcher Branche, keine Zukunft haben, wenn sie sich nicht intensiv mit ihren individuellen Werten auseinandersetzen.“

Werte sind meistens etwas, mit denen sich Startups „später“ beschäftigen wollen, nämlich erst dann,  wenn „es läuft“. Kleine Unternehmen gar nicht, weil sie sich „mit den paar Leuten“ nicht groß genug fühlen. Der Mittelstand in ständiger Verschiebung der Thematik, weil der Alltag einfach keine Lücke zulassen will. Und Großunternehmen erst recht nicht, weil man „Werte“ ja schon vor ein paar Jahren in eine Hochglanzbroschüre gedruckt hat. Als „Leitbild“, welches oft die eigenen Mitarbeiter/innen nicht kennen, von daran halten ganz zu schweigen.

Zu provokant? Gerne!

Zugegeben, es gibt Ausnahmen, allerdings wenige. Dabei steht schon in der Literatur der 60er Jahre, dass der Mitarbeiter das größte Kapital eines Unternehmens ist. Zumindest sein soll.  Im 21. Jahrhundert hat sich das, obwohl es jetzt nicht mehr auf Papier, sondern auf Homepages steht,  im geschriebenen Wort nicht sehr verändert. Was sich allerdings verändert hat, ist, dass Mitarbeiter/innen noch mehr zu Produktionsfaktoren und Kostenverursachern umgewandelt wurden. Und wenn das Geschäft schlecht läuft, die Eigentümer und Kreditgeber mit den Gewinnen oder Tilgungen unzufrieden sind, dann stehen diese „Kostenträger“ bei den entsprechenden Restrukturierungen an erster Stelle. Weil es anscheinend einfacher ist, Menschen zu entlassen, als neue Ideen für interne Abläufe und/oder Geschäftserweiterungen zu entwickeln.

Ein Blick in unsere Gesellschaft

Wir bekommen wieder mehr Kinder! Grundsätzlich ist das nach Jahren des Rückgangs zukünftiger Steuer- und Rentenzahler erst einmal toll. Genauer hingeschaut zeigt sich, dass Frauen immer später das erste Kind bekommen, nämlich im Durchschnitt mit 29,5 Jahren (Quelle Statistisches Bundesamt 2016*). Sind dann zu Hause für die nächsten 0,53* Kinder und somit in einer Phase „draußen“, in der die männlichen Kollegen zu Beginn des 3. Lebensjahrzehnts ihren Weg auf der Karriereleiter starten. Später arbeiten (meistens) die Mütter oft mit reduzierter Stundenzahl, in der sie es dann in erschreckender Weise oft schaffen, einen anspruchsvollen 40-Stunden-Job in die vertragliche Regelung unterzubringen.  Auch wenn es dabei nur offiziell 30 Stunden sind plus obendrauf das schlechte Gewissen, den Nachwuchs für die Überstunden in der Kita zu parken.

Der demographische Wandel ist kein Gespenst, sondern brutale, finanzrelevante Realität. Die Menschen leben länger, brauchen mehr Pflege und wollen ihr Alter ganz zu Recht in Würde erLEBEN. Finanzieren müssen das die Jahrgänge 1985 aufwärts, denn die Rentenzeit der Babyboomer aus den 60er-Jahren steht vor der Tür. Die Sozialabgaben werden steigen und der Trend zum Zweitjob ist bereits heute sichtbar. Weil einer für das Auskommen in manchen Berufen immer weniger reicht.

Der Fachkräftemangel – suchen Sie es sich aus, ob es ihn gibt, oder nicht. Fakt ist: Unternehmen sind gezwungen, sich immer stärker um die vorhandenen Mitarbeiter/innen zu kümmern, in die man viel Zeit und Geld investiert hat, egal, ob in deren Ausbildung, oder in deren Recruiting.

Die Relevanz psychischer Erkrankungen steigt stetig – trotz rückläufiger Krankenstände wächst der relative Anteil. Er kletterte in den vergangenen 40 Jahren von zwei Prozent auf aktuell 15 Prozent. (Quelle RP vom 8.11.17) Damit sind sie die zweithäufigste Ursache für Fehltage in Unternehmen geworden. Es ist wohl kein Geheimnis mehr, dass Burnout seine Quellen im Stress findet. Weniger bekannt ist, dass Burnout keine eigene Diagnose  (allenfalls eine Sekundärdiagnose) ist. Die Hauptdiagnose ist zumeist Depression!

Zum Stress am Arbeitsplatz addiert sich, dass kranke Kollegen oder unbesetzte Stellen kompensiert werden müssen. Ach ja, schlechte und unabgestimmte interne Prozesse und sinnlose Meetings habe ich noch vergessen. Von mangelnder interner Kommunikation fang ich am besten gar nicht erst an. Oder wollen Sie  etwa informiert sein?

Ok, das war jetzt ein bisschen zu provokant, sorry.

Wenn ich Menschen im Coaching zuhöre, dann sagen sie seit knapp zehn Jahren in den überwiegenden Fällen dasselbe. In fast den gleichen Worten, sowohl im beruflichen, als auch im privaten Kontext: „Ich komm nicht mehr hinterher. Ich erlebe keine Wertschätzung. Alles ist zu viel. Ich habe das Gefühl, ich genüge nicht. Ich erlebe keinen Erfolg. Ich finde keine Ruhe mehr und kann mich nicht mehr entspannen. Ich schlafe schlecht. Ich muss perfekt sein. Ich bin nicht gut genug.“

Es geht um Werte, erinnern Sie sich?

Wenn sich Unternehmen Gedanken zu den Werten machen, denen sie folgen wollen, sich diese bewusst machen und das ganze unternehmerische Denken daran ausrichten, dann passieren folgende Dinge automatisch:

Da wo es geht, arbeiten Eltern auch im Homeoffice (Werte z.B.: Freiheit für Familie, Verantwortung übernehmen). Eltern in Teilzeit können trotz reduzierter Stunden auf ausreichendes Backup vertrauen (Werte z.B. Sicherheit, Unterstützung, Anerkennung). Eine gute Führungskultur erzeugt Motivation und führt zwangsläufig zu weniger Fehltagen, höherer Leistung und geringerer Mitarbeiter-Fluktuation. Darüber hinaus ziehen Sie langfristig die Menschen an, die zu Ihrer Unternehmenskultur passen.

Was ich sagen will: Unternehmen können Werte und die davon abgeleitete Kultur nutzen, um nicht nur zufriedene Mitarbeiter (und übrigens auch Kunden!) zu haben. Sondern damit auch sehr viel Zeit und Geld zu sparen. Sie schaffen mehr Umsatz mit weniger „Einsatz“ (geringere Ausfallzeiten, höhere Produktivität,…)  und tragen automatisch zu mehr Glück in der Gesellschaft bei.

Das ist keine esoterische Idee, sondern unternehmerisches, zukunftsweisendes Denken in gesellschaftlicher Verantwortung. Davon hatten wir in letzter Zeit nicht so viel: Oder würden Sie momentan VW abkaufen, dass der deklarierte Wert „Umweltbewusstsein“  bei Dieselfahrzeugen“ auch nur einen digitalen Pixel wert war? Wenn Sie in eine Suchmaschine >Werte< und >VW< eingeben landen Sie bei Stickoxiden…schade eigentlich.

Sie haben eine Leitkultur? Wenn diese nicht auf emotionsbasierten Werten beruht, sind Sie leider keinen Schritt weitergekommen. Außer dass man Ihnen unterstellen darf, dass Sie es gut gemeint haben. Es reicht schlicht nicht, dass man das Wort Wertschätzung irgendwo hinschreibt; es muss aktiven und reflektierten Einzug IN die Prozesse, Meetings und vor allem in das Führungsverhalten nehmen.

Mehr Cross-Check-Fragen: Sind ALLE internen Prozesse an Werten (wenn es sie geben sollte) ausgerichtet und reflektiert? Haben Sie eine/n oder entsprechend mehrere Verantwortliche für interne, professionelle Kommunikation und die damit zu erzeugende Transparenz? Oder erledigen das die Chefetage und die Führungsebenen quasi „nebenbei“. Darf ich in diesem Fall fragen, wie erfolgreich das von den Informationsempfängern eingeschätzt wird?

Wenn Sie als Unternehmen wollen, dass Ihre Angestellten auch in ihrer Freizeit stolz die Jacke mit dem Unternehmenslogo tragen, heimlich die gebrandeten Tassen für das Wochenend-Frühstück entführen und einen „Schlag“ mehr für Sie tun, als im Arbeitsvertrag steht, dann tun sie drei Dinge:

  • Achten Sie in Ihrer Führungsetage auf einen guten Mix bestehend aus Männern und Frauen
  • Schulen Sie alle Mitarbeiter/innen zu den  Themen Ernährung, Gesundheit und Selbstverantwortung
  • Und beschäftigen Sie sich mit emotionsbasierten Werten und einer daraus resultierenden Leitkultur, die Sie wirklich leben können. Für Ihre gesellschaftliche Verantwortung als Unternehmer und für die Sicherung von gesunden Arbeitsplätzen für die Zukunft Ihres Unternehmens.

Bitte.

P.S.: Wenn Sie mal Zeit haben geben Sie mal in eine Suchmaschine folgende Worte ein >Mitarbeiter schenken Chef einen Tesla< und Sie landen bei Dan Price, Gründer und Geschäftsführer des Bezahldienstes Gravity Payments. Provokant? Gerne!

*Über die Autorin
Frau Dr. Andrea Friedrich blickt auf zehn Jahre Erfahrung als Business Coach (u.a. zertifiziert nach DVNLP) zurück Dabei hat sie sich der Etablierung einer werteorientierten Leitkultur verschrieben, für welche die unternehmens-individuellen Emotionen als Basis dienen. Das Ziel ist es, gesunde, nachhaltige und effiziente Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten.