WAS KOSTET DIE WELT

Ich hörte auf, mich selbst zu erklären, als ich bemerkte, dass die Menschen mich immer nur auf dem Level ihrer eigenen Wahrnehmung verstehen (können). Dies lernte ich ziemlich früh in meinem Leben, denn der Level meines Elternhauses war der einer konservativen Provenienz. Dies als meine Zukunftsperspektive anzunehmen, entsprach ganz gewiss nicht dem mir in die Wiege gelegten Persönlichkeitsmuster.

Ich stelle dies voran, weil ich mich manchmal extrem ärgere, wie Frauen in Deutschland ihre Chancen mit Füßen treten. In einem Land, in dem jedem so gut wie alles möglich ist, wird trotzdem gejammert, und viel geklagt. Gerade Frauen monieren eine angebliche Ungerechtigkeit, die sie häufig selbst, durch ihre ureigenen Lebensentscheidungen, nach Rollenzuschreibungen manifestieren. Sicher nicht alle, nie kann man alles über einen Kamm scheren. Doch sind wir auch noch weit davon entfernt, dass alle Frauen ihr Leben völlig eigenverantwortlich ähnlich frei gestalten, wie es die Männerwelt vornehmlich tut. Und ganz genau da liegt der Kern. Es tun, es umsetzen. Es leben.

Meine Weltsicht war schon früh darauf geprägt: Was kostet diese Welt? und nicht: Wie sieht sie mich? Es ging und geht um meinen Blickwinkel und nicht um das Brennglas meiner Umwelt. Ich bin keine Feministin. Feminismus ist eine Ideologie und eine mit ihr einhergehende politische Praxis. Deren Ziel es ist, politische Macht zu erlangen. Ich möchte Ihnen eine andere Geschichte erzählen, von einem Menschen, den ich in- und auswendig kenne: Von mir, Martina Lackner.

KÜCHE – KIRCHE – KINDER: GOTTGEWOLLT ODER SELBSTBESTIMMT?

Meine höchste Bestimmung als weiblich Geborene war es, zu gebären und sobald wie möglich den Betreuungsmodus einzunehmen. Jedenfalls wenn es nach meiner Mutter gegangen wäre. Ja, ich kam quasi schon zur Welt, mit dem Schriftzug auf der Stirn: Ich kümmere mich! So wuchs ich auf, so wurde ich erzogen. Dieses konservativ und katholisch geprägte, traditionelle System meiner Ursprungsfamilie hatte als Credo: Eine Frau kann nur zu sich selbst finden, wenn sie das Muttersein als Lebenszweck ansieht und neben ihrem Mann segensreich an der Gestaltung des Familienlebens mitwirkt. Das volle Programm: von Marmelade kochen bis Altenbetreuung!

Meine spätere Schwiegermutter sah das ganz genauso. Beide Mütter verleugnen bis heute die Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung von Tochter und Schwiegertochter und sehen die gottgewollte Aufteilung der Menschheit etwa so: Der Mann geht zur Jagd und sorgt für den Lebensunterhalt der Familie, während sich die Frau um das Heim, den Herd und die Kinder kümmert. Küche, Kirche, Kinder – eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, mit der Frau dem Mann nicht nur zur Seite steht, sondern ihm in seinen täglichen mühseligen Pflichten den Rücken stärkt; die 100 Marmeladenrezepte im Schlaf aufsagen kann und sich gleichzeitig um die Senioren-Generation kümmert.

Harmonischer Frieden in den Familien die Folge, und auf dieser stabilen Grundlage können gute, gesunde, pausbäckige Kinderlein entstehen und in die Welt hinausgeschickt werden, die nun ihrerseits, diese solide Basis weitergeben. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch …

Können Sie sich vorstellen, dass aus diesem klebrigen Biotop zähester Klischees, und was meine Mutter betraf, vor allem Verdrängungen, eine selbstsichere und stabile Persönlichkeit heranwuchs? Nun denn, hier bin ich. Es gelang mir, diesen Abgründen schwärmerischer Familienverklärung zu entrinnen; es gelang mir, gemeinsam mit meinem Mann ein Leben aufzubauen, ohne diese Unterdrückungsmuster zu übernehmen. Dieser Weg kostete Kraft, doch gab er sie mir auch gleichermaßen zurück. Und umso mehr, als dass ich diesen privaten Kampf – und ich benutze dieses Wort bewusst – nicht mal als den ewigen Geschlechterkampf gegen eine männerdominierte Welt führte. Sondern gegen die verbissene Ausdauer einer Generation von Frauen, die ganz sicher selbst auch manipuliert worden war – von den eigenen Müttern und den Vätern. Doch die sich deshalb nicht damit herausreden darf, es nicht besser gewusst zu haben.

DIE ROLLE VON MANN UND FRAU – ES GEHT UM WERTSCHÄTZUNG

Nicht nur in meiner Familie gab und gibt es Vorurteile und Pauschalisierungen und absolute Lösungsvorschläge, wie Mann und Frau ihr Leben zu leben haben. Befreit man sich davon, so bleibt doch am Ende die Einsicht, dass alle auf ihre Art und Weise das Recht auf freie Lebensgestaltung haben, wenn das, was sie leben und fordern, dem Anderen nicht schadet.
Doch, ist das mit dem Schaden so eine Sache. Europäische Frauen fühlen sich ja manchmal schon dadurch benachteiligt, wenn sie den Abwasch machen müssen. Ich kenne Nur-Hausfrauen, die sind mit ihrem Leben derart unzufrieden, dass sie regelmäßig kundtun müssen, selbstverständlich auch gestresst zu sein! So hätten sie zwar eine Spülmaschine, diese müsse aber ja nun mal auch ein- und ausgeräumt werden müsse. Außerdem hüpfe die Wäsche auch nicht alleine in die Waschmaschine, und wenn sie gebügelt haben, wird der „Stress“ an den Mann adressiert, indem die Sachen nicht in den Schrank geräumt, sondern fein säuberlich für ihn zur Kenntnisnahme aufs Bett gelegt werden. Ja, sieh her, Mann, auch ich arbeite. Ich kann es mir zwar einteilen, habe keinen Chef, dem ich Rechenschaft ablegen muss, aber das heißt noch lange nicht, dass ich nicht auch ein Anrecht auf Stress hätte …

Bitte nicht falsch verstehen: Ich schmeiße meinen Haushalt selbst und weiß um das, was da zu tun ist, wenn ich auch keinen Mann zu „versorgen“ habe, was ich sehr genieße(!), da mein Mann dies nicht nur nicht erwartet, sondern auch mit Leben füllt. Wir leben fern jeder Rollenzuschreibungen seit fast 20 Jahren eine Verbindung, die nicht frei von Konventionen ist, sonst wären wir nicht verheiratet. Die aber in sich frei von Klischees und der Erwartungshaltung ist, der eine könne etwas besser als der andere. So beruflich erfolgreich wir beide sind, so gut oder schlecht kann ein jeder von uns kochen, putzen, backen, bügeln. Ich nenne das nicht gerne Gleichberechtigung, weil mir das, was dahinter steht, so selbstverständlich vorkommt, dass es nicht derart betitelt werden muss, sondern: Wertschätzung auf allen Ebenen. Darauf kommt es an im Leben. Immer. Aber allem voran auf die Wertschätzung, die ich mir selbst gegenüber an den Tag lege. Und unter dieser Prämisse sollte sich jedermann und jede Frau den Rahmen ihres / seines Lebens selbst aussuchen (dürfen, aber auch wollen). In dem Rahmen Zufriedenheit zu empfinden, das sollte das Ziel sein, ansonsten läuft etwas grundlegend falsch:

Das Leben ist aber doch kein Wunschkonzert? Stimmt. Es ist aber auch kein Lamentier-Zirkus. Ein immerzu gehetzter Balanceakt zwischen Beruf und Familie zur Unzufriedenheit aller ist nicht erstrebenswert. Und der Beruf der Hausfrau sollte meiner Meinung nach genauso viel Wert sein, wie ein „externer“ Beruf – keine Frage. Aber die Wertschätzung muss bei den Betroffenen zuallererst selbst beginnen. Ganz egal welcher Berufung Sie nachgehen: Die Spiegelung, die dies in Ihrem Umfeld nach sich ziehen wird, ist bemerkenswert. Also, meine lieben Damen, die ihr Euch auch entscheidet, entscheidet so, dass Ihr damit gut leben könnt. Und lasst Euch niemals etwas diktieren oder aufpflanzen. Denn dann fällt es euch unweigerlich irgendwann vor die Füße und dann kommt man ins Stolpern. Was weh tut. Oder sogar auf die Füße, was noch mehr schmerzt. Und liebe Herren? Na ja, lest einfach mal weiter.

IHR WEG – IHRE ENTSCHEIDUNG

Leider wird immer noch viel zu häufig uns berufstätigen Frauen pauschal der schwarze Peter zugeschoben. Man meint,  uns an die gottgewollte Ordnung erinnern zu müssen und für alle Ärgernisse der Familie, der Demographie, der Sozialisierung, Stabilisierung von Kindern usw. verantwortlich zu machen. Da werden uns angebliche Nachweise um die Ohren gehauen, dass Kinder von Hausfrauen grundsätzlich bindungsstärker und sozial gefestigter seien, als Kinder von berufstätigen Müttern. Und dass früher weniger Ehen geschieden wurden, liegt natürlich auch an unserem Selbstverwirklichungstrip. Letzteres stimmt sogar – mittelbar und glücklicherweise. Denn, es war ja nicht nur jahrhundertelang gesellschaftlich verpönt, sich zu trennen, sondern vor allem für die Frauen ein wirtschaftliches und soziales Fiasko, also eine riesige Hürde in jeder Hinsicht

Ich gehe nicht davon aus, dass die Ehen früher glücklicher waren. Man hatte sich nur viel öfter „aneinander vorbei arrangiert“. Es wundert mich jedoch immer wieder, wie viele Frauen auch heute noch oder heute wieder, der Illusion erliegen, dass wirtschaftlich abhängige und ans Haus gebundene Frauen angeblich mehr ehrliche Liebe und Treue für ihre „jagenden“ Männer empfinden – und umgekehrt. Oder der Vorwurfshaltung, dass dieses „nur Mutter sein“ die leichteste Variante sei, sein Leben zu gestalten. Wer sich dafür entscheidet, verdient meine Anerkennung. Aber wenn Frau sich dagegen entscheidet, ist es ebenfalls in Ordnung.

Geschlechtsstereotype sind gesellschaftlich verursacht, nicht biologisch angelegt. Wenn sich Frauen gegen Kinder entscheiden, ist das ihr Recht und kein Makel. Unser demoskopisches Problem ist auch eine Folge der Geburtenplanung und nicht eines angeblichen Werteverfalls. Und die Familie ist nicht immer das vollkommene Glück, sondern nur EIN Lebensentwurf unter anderen.

Möchte ich als Frau die finanzielle Stabilität für meine Kinder und mich selbst vergrößern und nicht alles auf eine Karte (einen Mann) setzen, muss ich arbeiten und kann nicht „nur“ Hausfrau sein. In den Zeiten, während derer ich arbeite, bin ich wiederum fern von meinen Kindern. Es sind gesellschaftliche Zusammenhänge, welche das Ganze noch weiter verkomplizieren. Diese für alle Beteiligten absolut zufriedenstellend zu ändern, wäre aber wohl leider nur als sehr langfristiger Prozess möglich, der mit viel Bereitschaft zu innovativem Denken und mit viel Differenzierungsfähigkeit verbunden sein müsste.

KNOTEN LÖSEN + CHANCEN WAHRNEHMEN + EIGENES DREHBUCH SCHREIBEN

Aber, Sie können nur dann Ihre Chancen wahrnehmen, wenn Sie Ihr Potenzial vollkommen entfalten und nicht darauf warten, dass Sie ein anderer auswickelt. Lösen Sie die Knoten Ihrer Prägungen und leben Sie keine Muster nach. Es kommt heutzutage einzig auf die individuelle Bereitschaft an, das eigene Leben, die eigene Kernfamilie, den beruflichen Karriereweg so zu gestalten, wie Sie das wollen. Und wenn Sie Widerstände dagegen verspüren – entweder in sich oder von außen, dann bitte ich Sie eindringlich:

Analysieren Sie Ihre eigene Rolle und steigen Sie im Zweifel aus, denn wenn Sie sich nicht um sich selbst kümmern, wird es niemand tun. Da im Grunde genommen niemand ein wirkliches Interesse daran hat, dass Sie zu stark, zu selbständig, oder zu mächtig werden! Das würde voraussetzen, dass Sie reife und mit einem hohem Selbstwert ausgestattete Persönlichkeiten in Ihrem Umfeld haben, und das ist leider eine Seltenheit.

Wer sein Ideal an einem Fixpunkt seiner Lebensgestaltung ausrichtet, der muss sich trotz aller Widrigkeiten auch darauf fixieren. Und kann dabei auch gerne meinen Dreiklang mit dem „Knoten lösen, dem Wahrnehmen von Chancen und dem Schreiben des eigenen Drehbuchs“ berücksichtigen, der zumindest in meinem Leben zum Erfolg geführt hat.  Ich wünsche Ihnen von Herzen die Antriebsenergie, die dafür notwendig ist. Seien Sie gewiss – es lohnt sich!

 

* Von Martina Lackner. Ein Auszug aus ihrem Beitrag im Buch „21 Erfolgsfrauen – 21 Erfolgsformeln„, in dem 21 Top-Managerinnen Einblicke in ihre Karriere geben und dafür 21 konkrete Formeln verraten.