Der Amateurfußball ist am Limit. Diese Situationsbeschreibung kommt von einem, der es wissen muss. Nämlich von Gerd Thomas*, der als Vorstand eines aussergewöhnlichen Amateur-Vereines in Berlin jeden Tag mit den Problemen und Herausforderungen für lupenreine Amateure konfrontiert wird. Nachfolgend seine Erfahrungen, sein „Hilfeschrei“ und Vorschläge für eine Verbesserung der aktuellen Situation:

Die Fußballsaison geht in die finale Phase. In der Bundesliga steht der Meister mal wieder lange vor dem letzten Spieltag fest. Spannung verspricht eigentlich nur die Frage, ob der HSV in diesem Jahr endlich aus der Bundesliga absteigt und wann Kalle Rummenigge zum nächsten, durchschaubaren Rundumschlag gegen DFB, DFL und nationaler „Konkurrenz“ ausholt. Die meisten Emotionen brachte der Videobeweis, aber auch das wird sich legen. Auf internationaler Ebene lassen Duelle wie Liverpool gegen AS Rom, Bayern gegen Real oder Atletico Madrid gegen Arsenal London die Herzen der Fußballfans höher schlagen. Im Juni geht es ohne Atempause weiter mit der WM in Russland. Der Profifußball boomt und dominiert die Schlagzeilen. Daran ändern die vielfachen Enthüllungen bezüglich der skandalumwitterten WM-Vergabe 2006 so wenig, wie die inzwischen nicht mehr zu vermittelnden Ablösen und Gehälter für Neymar und Co. The show must go on…

Doch wie steht es eigentlich um die Basis, die Amateurvereine? Es steht schlecht um sie. Der DFB verbreitet zwar Meldungen, nach denen auch der Amateursport boomt, zudem von seinem Dachverband – mit Hilfe sehr teurer Werbeagenturen – immer besser in Szene gesetzt wird. Bei den Vereinsvertretern an der Basis stößt diese Einschätzung aber zunehmend auf Unverständnis. Nicht nur das desaströse Ergebnis des TV-Vertrags, bei dessen Beratungen sich die Verhandlungsprofis der DFL gegen die Amateure vom DFB auf ganzer Linie durchgesetzt haben, bietet Platz für Unmut. DIE ZEIT titelte hierzu gar: „Der DFB hat vergessen, wen er vertritt“. Es sind vor allem die stetig zunehmenden Belastungen, die den Vereinen auferlegt werden, oder sich im Alltag entwickeln.

Aufwendungen für Digitalisierung, erhöhte Kosten für Trainerfortbildung, Kinderschutz, Integration, Stress mit den Eltern, Ganztagsschule, marode Sportplätze, unhaltbare Zustände in sanitären Einrichtungen… Inzwischen (ver)zweifeln viele Amateure, ob der DFB die geeignete Vertretung zur Durchsetzung ihrer Interessen ist. Denn der Spagat zwischen Amateurlager einerseits, Nationalmannschaft mit ihren zweistellige Millionengehälter verdienenden Stars andererseits, ist im Prinzip kaum zu meistern.
Insofern stellt sich die Frage, was Profilager und Amateure eigentlich noch miteinander zu tun haben. Die Vereine unterhalb der 3. Liga haben zunehmend den Eindruck, nur noch als Talente-Lieferanten für die Proficlubs zu fungieren. In diesem Zusammenhang: Wer zahlt eigentlich die neue DFB-Akademie? Die Chinesen nach dem stümperhaften Versuch, deren U23-Team in der Regionalliga unterzubringen, wohl kaum. Der DFB schweigt sich aus, auch von den Landesverbänden gibt es keine Antwort. So liegt der Verdacht nahe, dass die Amateure die Zeche für die Ausbildung der Top-Talente zahlen. Und eben nicht die Nachwuchsleistungszentren der Profis, die davon am Ende in erster Linie profitieren und so ihr eigenes Milliardengeschäft aufrecht halten.

Der DFB argumentiert mit besseren Erkenntnissen für die Trainerausbildung, die am Ende allen zugute kommt. Leider wird bei dieser Ausbildung auf Sozialkompetenz und Vermittlungs-Pädagogik nach wie vor wenig Wert gelegt. Wichtiger scheint immer noch, in welchem Abstand die Markierungs-Hütchen stehen müssen. Für die zunehmenden Anforderungen an der Basis ist es aber vor allem wichtig, dass die Trainer lernen, wie sie mit ihren Schützlingen umgehen müssen, um überhaupt fußballerische Weiterentwicklung erzielen zu können. In den Nachwuchs-Leistungs-Zentren der Profivereine ist es für Trainer viel leichter, ein diszipliniertes und leistungsorientiertes Training durchzuführen. Denn spurt ein Kind nicht, wird es durch das nächste ersetzt. Was würde dazu zum Beispiel der Trainer einer C-Jugend auf dem „platten Land“ sagen, der froh sein muss, wenn er 10 Kinder beim Training hat. Und 12 zum Spiel.

Für Amateurvereine wird es zunehmend schwerer, geeignete Trainer zu finden. Die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt nehmen Gott sei Dank zu, die Arbeitslosenquote geht weiter zurück. In vielen Teilen des Landes liegt sie unter 5 % und damit nahezu bei Vollbeschäftigung. Fachkräfte werden händeringend gesucht. Für die kommenden 12 Monate geht man von einer Millionen neuer Jobs aus. Da hierfür schon heute zu wenig geeignetes Personal zu finden ist, führt der Bedarf der Wirtschaft zu erheblichen Überstunden. Das hat zur Folge, dass viele Menschen für das Ehrenamt seltener oder gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Ein paradoxes Resultat aus einer eigentlich hervorragenden Entwicklung. Für den klassischen Breitensportverein aber ein wahres Horrorszenario, viele sind jetzt schon am Limit.

So lange der Wachstumsmotor einigermaßen läuft, wird es nicht besser werden. Im Gegenteil. Die demografische Entwicklung ist zwar längst bekannt, nicht zuletzt die auf uns unweigerlich zukommende Renten-Welle der Babyboomer-Jahrgänge. Die Folgen für das Ehrenamt sind gravierend. Denn nicht nur der Sport, auch die Wirtschaft ist längst im „Krieg um die Talente“. Gleichzeitig wollen immer mehr Leute Sport treiben, wie die jüngste Berliner Studie zum Breitensport zeigt. Doch schon jetzt wird die Verwaltung den Anforderungen nicht mehr Herr, denn auch sie kämpft um geeignete Fachkräfte, wovon es viel zu wenige gibt. Die Auswirkungen haben wiederum die Vereine und vor allem ihre Funktionäre zu tragen: Ungepflegte und mangelhafte Sportanlagen, in Ballungsräumen kaum Flächen für neue Sportstätten, überfordertes Personal in den Behörden. Die Folge sind entnervte Vereinsvertreter, von denen sich längst viele fragen, ob sie ihr Engagement bei solch schlechten Bedingungen fortführen sollen.

Sportverbände und Politik loben derweil weiterhin das Ehrenamt. Besser wäre es, Konzepte zu entwickeln, wie Vereine auch in Zukunft leistungs- und überlebensfähig sein können. Denn statt die Clubs zu entlasten, werden die Anforderungen immer höher. Das wiederum führt dazu, dass schon heute viele Vereine keine Jugendleiter oder Schatzmeister finden. Und welcher Vorsitzende ist schon in der Lage, die Auswirkungen der neuen Datenschutzverordnung zu überblicken? Langfristige ehrenamtliche Bindungen geht kaum noch ein neues Vereinsmitglied ein. Schon gar nicht, wenn man in der zu investierenden Zeit mit bezahlten Überstunden die neue Wohnung oder auch nur den Zweiturlaub finanzieren kann.

Was passiert eigentlich, wenn immer weniger Leute bereit sind, Kinder und Jugendliche auszubilden oder zweimal in der Woche zu betreuen? Im Sportverein wird den jungen Menschen vieles beigebracht, woran Schule und Elternhaus oft scheitern: Durchhaltevermögen, Ehrgeiz, Teamwork, Disziplin, Gruppenverhalten, Fairplay, Toleranz, Respekt und vieles mehr. Von den körperlichen Vorteilen Sporttreibender ganz abgesehen. Nicht zuletzt die Wirtschaft wird merken, wie sehr ihr die Unterstützung aus der Vereinsarbeit fehlt. Denn die Playstation ersetzt nicht den echten Fußballplatz, die Bundesliga-Übertragung nicht die eigene Bewegung. Der Hirnforscher Prof. Spitzer hält Sport für das wichtigste Schulfach, denn es unterstützt das Gehirn bei der Wissensaufnahme in überragender Weise. Aber vielerorts fällt der Sportunterricht wegen Lehrermangel aus.

Statt Durchhalteparolen und Schönwetter-Preisverleihungen bräuchte es einen „Think Tank Amateursport“, ein Ideenlabor für den Verein der Zukunft. Denn auch wenn Vereine auf viele Leute altmodisch wirken, wir brauchen sie! Nicht zuletzt aus besagten Gründen. Von der Politik und den Verbänden ist leider nicht viel zu erwarten. So wie dort die vorhersehbaren demografischen Entwicklungen ausgeblendet wurden, werden auch die Probleme der Vereine ignoriert oder gar schön geredet. Investiert wird lieber in die Hochkultur, auf eine halbe Milliarde für die Berliner Staatsoper oder fast eine ganze für die Elbphilharmonie kommt es nicht an.

Viele meinen gar, das zunehmend große Heer der Rentner könne doch nach dem Arbeitsleben ehrenamtlich aktiv werden und somit die Probleme lösen. Mal davon abgesehen, dass sich schon heute viele Pensionäre engagieren, ist es ein Unterschied, ob ein 9-jähriger Fußballer von einem jungen modernen Trainer oder einem in die Jahre gekommenen Ex-Kicker trainiert wird (Ausnahmen bestätigen die Regel). Noch gravierender wird es bezüglich der Betreuung und Ausbildung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hierfür braucht es zunehmend geeignetes Personal, am besten mit Lizenz und pädagogischen Grundkenntnissen. Verständnis für und Akzeptanz durch die Zielgruppe würden übrigens auch nicht schaden.

Eine Patentlösung gibt es nicht, aber der gesamte Fußball muss an Ansätzen dafür arbeiten. Hierzu bedarf es in erster Linie einer Allianz von Vereinssport und Wirtschaft. Denn nur diese Kombination dürfte in der Lage sein, wirkliche Fortschritte und Konzepte zu erarbeiten. Wenn Verbände und Politik eines Tages auf den dann fahrenden Zug aufspringen wollen, soll ihnen der Zutritt nicht verweigert werden. Sie werden dann aber nicht wie bisher allein die Regeln definieren.

Schon jetzt fühlen sich immer mehr Amateurvereine von ihren Landesverbänden und dem DFB im Stich gelassen. Die Verbandsfunktionäre mit ihren satten Aufwandsentschädigungen für ihre Ehrenämter wären gut beraten, das ernst zu nehmen. Denn bislang hat sich der Widerstand noch nicht nachhaltig organisiert. Im Zeitalter sozialer Medien und schneller Informationstechniken kann das aber schneller gehen, als einige sich das vorstellen. Die Kritiker kleinzureden, sie in die Ecke von Nörglern und geistig Verwirrten zu stellen und ihre Forderungen als Majestätsbeleidigung zu interpretieren, könnte sich sehr schnell als Bumerang erweisen. Anstatt von oben herab zu agieren, wäre es angeraten, den Dialog mit den über Gebühr belasteten Vereinen zu suchen. Die offene Diskussion um die Zukunft des Amateurfußballs muss endlich ohne Tabus und Scheuklappen geführt werden. Denn der Amateurfußball ist wirklich am Limit!

 

*Gerd Thomas (56), Vorsitzender beim FC Internationale Berlin. Gleichzeitig Mitglied des Aufsichtsrats des SV Babelsberg 03.