Willi, den besten Kumpel von Biene Maja, Balu den Bären oder auch Winnie Puh kennen wir ja alle. Die meisten von uns aus unseren Kindertagen, als diese „Helden der Mattscheibe“ uns begleiteten und wir uns über ihre Streiche, Abenteuer, Gemütlichkeit, oder Tollpatschigkeit freuten und amüsierten.

Was aber tun, wenn man solche „Bienen“ und „Bären“ im täglichen Leben um sich hat, egal, ob im Büro, oder im privaten Leben? Da können diese „Tierchen“ einen mit ihrer unendlichen Gelassenheit oft zur Weissglut treiben und verzweifeln lassen. Wie man auf Anhieb solche Menschen erkennt und was hilft, mit ihnen gut auszukommen und ihre Eigenschaften positiv zu nutzen, beschreibt im nachfolgenden Gast-Beitrag Mira Christine Mühlenhof*. Die sich beruflich intensiv mit unterschiedlichen Persönlichkeiten beschäftigt und deren „Intrinsische Motivation“ erkundet und offenlegt.

„Bei einem Ihrer Mitarbeiter, sagen wir er heißt Herr A., fällt Ihnen verstärkt auf, dass er irgendwie nie richtig in die Gänge kommt. Als Sie ihn vor ein paar Wochen eingestellt haben, wirkte er sehr sympathisch, nett und auch kompetent. Aber nun stellt sich heraus, dass die Kollegen langsam unruhig werden, weil man ihn zu allem drängen muss. Er packt nichts wirklich an und das lässt die Arbeitsprozesse immer wieder ins Stocken geraten. Außerdem agiert er zögerlich, abwartend und träge.

Und Sie ahnen schon, was da auf Sie zukommen wird: Zum einen werden Sie beobachten müssen, ob dieser Mitarbeiter überhaupt irgendwann mal aus dem Quark kommt und richtig gute Arbeitsergebnisse erzielt. Im Moment sieht es eher danach aus, als ob er generell nur wenig Energie zur Verfügung hätte – oder aber seine Kraft nicht adäquat einsetzt. Zum anderen könnte er eventuell Kollegen bremsen und sie motivieren, ebenfalls ein langsameres und behäbigeres Tempo an den Tag zu legen. Also, hier droht eine potentielle Gefahr fürs Teamergebnis.

Vom Pensum einmal abgesehen fällt auf, dass sich Herr A. bei den Kollegen mehr und mehr als guter Zuhörer und Schlichter etabliert. Er wirkt ausgleichend. Damit zeigt er nicht nur seine kollegiale Seite, sondern schlüpft ungefragt in die Rolle eines Ombudsmannes. Je mehr er diese Funktion jedoch einnimmt, desto weniger wird er aber abliefern.

Und es fällt auf, dass er Konflikten, die ihn selbst betreffen, eher aus dem Weg geht. Kochen mal die Emotionen hoch, verlässt Herr A. den Raum oder reagiert stur, indem er auf Durchzug schaltet. Das wiederum kommt im Team nicht gut an.

Soweit ein mögliches Szenario für das Arbeitsleben eines Charakters mit dem Muster Harmonie. Wir haben es hier mit einem Archetypus zu tun, den wir aus vielen Geschichten kennen: Die Figur des „Willi“ aus Biene Maja oder Winnie Puh.

Um einen Harmonie-Menschen zu verstehen, müssen wir die Wirkung seines unbewussten Antriebs betrachten. Diese Persönlichkeit wird angetrieben von der intrinsischen Motivation (=innerer Antrieb) Harmonie. Der Mensch ist auf das Produkt seiner Maschine fixiert.

Diese „Maschine“:
– wirkt rund und gemütlich
– ist freundlich und nett
– sieht aber auch fragend und irgendwie unsicher aus
– produziert das Peace-Zeichen, also Frieden/Harmonie

Weitere Assoziationen:
– sitzt fest im Sattel
– hat es sich im Leben gemütlich gemacht
– produziert nur ein Produkt: einen Frieden
– Kürbis oder Kartoffel: Couch Potatoe?
– will alle Menschen glücklich machen, produziert ein sehr sinnvolles Produkt
– Friede, Freude, Eierkuchen, sehr ausgeglichen

Charakteristische Merkmale des „Musters“ Harmonie

Diese Menschen sind äußerst friedliebend, verlässlich und freundlich. Weitere herausstechende Eigenschaften sind ihre Anpassungsfähigkeit, Toleranz, Bescheidenheit und ihre ausgleichende Art. Was am unmittelbarsten ins Auge fällt, ist jedoch ihre Gelassenheit, die schier unzerstörbar erscheint. Größtenteils liegt das an ihrer inneren Strategie des „Mit-dem-Strom-Schwimmens“, weil diese ihrer Meinung nach am wenigsten Reibung mit sich bringt. Harmonie hat für sie also einen sehr großen Stellenwert, sie sollte möglichst durch nichts gestört werden. Nach außen zeigen sie äußerst selten Wut oder Aggressivität, solche Reaktionen würden den gewünschten Frieden nachhaltig stören. Ihre negativen Emotionen wirken also eher im Verborgenen.

Was ist für diese Menschen noch charakteristisch?

  • Anspruch: Typisch für die NEUNer ist ihr schier grenzenloser Optimismus. Ihre innere Haltung, stets vom Besten auszugehen und darauf zu vertrauen, dass alles im Leben schon gut gehen wird – auch ohne dass man sich dafür kräftezehrend einsetzen müsste – spiegelt sich in ihrem Verhalten wider. Diese Haltung führt nur leider dazu, dass diese Menschen es so sehr gelernt haben, sich den Umständen anzupassen, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse gar nicht wahrnehmen. Sie wissen gar nicht, was sie selbst brauchen oder möchten. So passiert es ihnen immer wieder, dass die Befriedigung ihrer eigentlichen Bedürfnisse völlig unwichtigen Dingen zum Opfer fällt und das, was wirklich wichtig ist, bis zum Ende des Tages (Monats, Jahres….) liegen bleibt. Sie lieben Rituale und Gewohntes. Es versteht sich von selbst, dass das Wort Veränderung nicht unbedingt zu ihrem Sprachschatz gehört. Allerdings nicht, weil der Begriff ihnen Angst macht, sondern vielmehr, weil Veränderungen zumeist mit Anstrengungen verbunden sind.
  • Körpersprache: Harmonie-Menschen haben wenig Körperspannung, sie bewegen sich langsam und bedächtig und wirken ein wenig träge. Am charakteristischsten allerdings ist ihr Blick: Wenn eine diese Menschen uns anblicken, wirkt es, als schauen sie mit einem trüben, verklärten, leicht verträumten Blick durch uns.
  • Wohnung und Umgebung: Die Wohnumgebung muss gemütlich sein. Ganz wichtig für sie ist die „kuschelige Ecke“, in die sie sich jederzeit zurückziehen und in der sie entspannen kann. So richtig aufgeräumt ist es bei ihnen nie – was aber auch nicht schlimm ist, denn sie haben wenig Besuch. Dieser Fakt ist eher Trägheit und mangelnden Motivation geschuldet, Gastgeber*in zu sein, als dem Fehlen von Freunden.
  • Umgang im Miteinander: Harmonie-Menschen können schlecht „nein“ sagen – weil sie befürchten, dass ihr „Nein“ einen Konflikt heraufbeschwören könnte, der mit ihrem Harmoniebedürfnis kollidieren und zu innerem Stress führen könnte. Menschen dieses Musters gehen Konflikten und Reibung jeglicher Art am liebsten aus dem Weg. Auf Druck reagieren sie äußerst empfindlich und wehren sie mittels der Strategie der Verweigerung, mit Sturheit oder störrischem Verhalten.

Wenn Sie jetzt denken: „Ja, Herr A. wirkt genauso“, dann überlegen Sie weiter: Kommen von Herrn A. fortschrittliche Ideen? Oder fällt er eher durch seine Energielosigkeit und mangelndes Engagement auf? Scheut er Konflikte und reagiert beleidigt, wenn man ihn auf sein „auf der Bremse stehen“ anspricht? Was könnten Sie über seine Mimik und Gestik sagen? Wirkt er oft abwesend? Alles Aspekte die Grund zu der Annahme bieten, dass Herr A. ein Harmonie-Mensch sein könnte.

Was Harmonie-Menschen antreibt

Wir haben die psychologische Struktur der auf Harmonie fixierten Menschen mit einer Maschine verglichen. Den Treibstoff für die Maschine liefert die Trägheit, diese ist beherrschend in ihrem Leben. Es fällt ihnen so schwer, sich aufzuraffen und die Energie aufzubringen, die Dinge anzugehen und sie dann auch bis zum Ende durchzuziehen. Wenn sie sich auf den Weg machen, legen sie gerne Umwege ein, sprich: Sie lassen sich gern ablenken. Manche dieser Menschen wissen auch gar nicht, ob sie überhaupt jemals am Ende des Weges ankommen möchten. Der Weg ist doch das Ziel, oder nicht?

Weil Menschen mit diesem Persönlichkeitsmuster gern die Strategie der Ablenkung wählen, reagieren andere Menschen häufig ziemlich genervt. Oft möchte man diese Menschen durchschütteln, um sie zu einer Reaktion, Aussage oder Richtung zu bewegen.

Wie geht man mit Harmonie-Menschen um?

So können Sie sich als Chef die Frage stellen: Wie gehe ich auf einen Menschen zu, bei dem ich das Gefühl habe, er ist mit dem Muster Harmonie unterwegs, er macht sich und anderen damit das Leben schwer, hat aber keine Ahnung davon? Sein Muster ist Herrn A. nicht bewusst. Deswegen erfordert es Fingerspitzengefühl, an diesen Menschen heranzutreten.

Was dem Harmonie-Menschen Klarheit bringen würde? Zu verstehen, dass

  • ihm schon in der Kindheit selten bis nie das Gefühl vermittelt wurde, wichtig zu sein
  • er deswegen nicht gelernt hat, sich selber wichtig zu nehmen
  • er schon als Kind glaubte, er dürfe nicht aufbegehren
  • er sich deshalb angepasst hat
  • er von Hause aus gar nicht so träge ist, sondern sehr wohl eine Menge Energie zur Verfügung hat
  • er seine eigenen Bedürfnisse nicht kennt und daher Unwesentliches nicht von Wesentlichem unterscheiden kann
  • er unter Druck völlig aus dem Gleichgewicht gerät
  • er große Angst vor Konflikten hat

Was also können Sie als Führungskraft tun?

Geben Sie ihm das Gefühl, dass er ein wichtiger Bestandteil des Unternehmens ist. Und dass er vor allem ernst genommen wird, besonders natürlich, wenn er auch eigene Ideen einbringt oder Neues vorschlägt. Er hat lange in seinem Leben die Erfahrung gemacht, dass es nicht um ihn ging. Helfen Sie ihm dabei zu erkennen, dass er sehr wohl eine Rolle spielt, dass er wichtig ist. Und zeigen Sie ihm, dass er seine eigene Meinung ruhig äußern darf und Konflikten nicht aus dem Weg gehen muss, dass seine Präsenz sogar gefragt und erwünscht ist.

Menschen mit dem Muster Harmonie können sich entwickeln, wenn

  • sie erkennen, dass sie sehr lange übersehen wurden und sich dadurch unwichtig und leer fühlten
  • sie ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen
  • sie lernen, sich selbst zu lieben und wichtig zu nehmen
  • sie Selbstbewusstsein und Selbstwert aufbauen
  • sie aufhören zu glauben, alles sei ok – nur um Konflikten aus dem Weg zu gehen
  • sie fühlen können, dass sie viel Energie haben und lernen, diese Energie zielgerichtet für ihre Belange einzusetzen
  • wenn sie ihre Trägheit hinter sich lassen und sich auf den Weg machen

Für mich ist es immer wieder erstaunlich zu erleben wie sich diese Menschen entwickeln, wenn sie verstanden haben, was sie wirklich antreibt und warum sie so reagieren, wie sie reagieren. Genauso, wie sich plötzlich die Zusammenarbeit in Teams anfängt zu ändern, wenn die Mitarbeiter*innen und ihr Vorgesetzter realisieren, dass nicht alle Menschen gleich sind und jeder Mensch seinen eigenen Antrieb hat.

Und sind wir doch mal ehrlich: „Willi“, Balu und Winnie Puh waren und sind uns doch im Zweifel allemal lieber, als die hinterlistige Schlange Kaa, der mörderische Tiger Shir Khan, oder Thekla, die Spinne… :-))

 

 

*Wie sollen andere mich verstehen, wenn ich mich selbst nicht richtig kenne? – diese Frage ist der rote Faden im Leben von Mira Christine Mühlenhof und inspirierte sie dazu, die Kraft der intrinsischen Motivation zu erforschen. Gemeinsam mit ihrem Team berät sie als Coach und Trainerin kleine und mittelständische Unternehmen und Privatpersonen zu den Themen Veränderung, Entwicklung, Kundenbeziehungen und nachhaltiger Motivation.  Gerade ist ihr Buch „Chefsache Intrinsische Motivation“ erschienen, in dem sie aufzeigt, welche intrinsischen Motivationen es gibt und wie Führungskräfte ihre Mitarbeiter damit erreichen können.