Ich liebe Sachsen, Dresden ist eine der schönsten Städte, die ich kenne! Und erst das wunderbare Elbsandsteingebirge. Wie oft bin ich dort gewandert. Stets habe ich nur freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen, deshalb finde ich sogar den Dialekt charmant. Und jetzt sehe ich diese Bilder im Fernsehen. Menschen werden durch die Straßen gejagt, Pogrome finden statt, grölender Mob, Hitlergrüße. Ich kann es nicht fassen. Sind das dieselben Menschen, die durch ihre friedliche Revolution die Mauer haben fallen lassen? Sie bauten die Frauenkirche wieder auf, ein christliches Symbol. Das Christentum steht für Nächstenliebe und jetzt brüllen sie „Absaufen, absaufen.“ Und meinen damit, dass die Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken sollen.

Einst waren die Ostdeutschen selber Flüchtlinge, sind nicht mal vor dem Schießbefehl an der Mauer zurück geschreckt. Sie sind geflüchtet, nicht, weil sie nichts zu essen hatten, oder weil ihre Häuser zerbombt wurden, nein sie wollten frei sein . Sie sind mit Booten über die Ostsee gekommen oder sind geschwommen, haben sich in Lebensgefahr gebracht, um frei zu sein. Jeden Montag sind sie aufmarschiert und am Ende hatten sie Erfolg, die Mauer ist gefallen. Noch zuvor haben Viele versucht über die Prager Botschaft zu entkommen und saßen dann dort fest, bis der damalige Bundesaussenminister Hans-Dietrich Genscher die Ausreisegenehmigung durchsetzte. Irgendwie scheint sich die Geschichte stets zu wiederholen (diesmal saßen vor fast genau drei Jahren Flüchtlinge am Ungarischen Grenzzaun fest).

Und dann fiel tatsächlich vor fast 30 Jahren die Mauer, welche die Menschen und ihre Familien und unser Land teilte. Was für eine Party. Tanz auf den Straßen. Fremde umarmten sich. All die kleinen Trabis wurden mit Süßigkeiten und Willkommenskärtchen behängt. Jeder bekam 100,– DM Begrüßungsgeld und fortan gab es den Soli. Der Osten wurde wieder aufgebaut . Heute gibt es dort die besseren Autobahnen und Brücken, während im Westen alle ziemlich marode sind. Im Osten gibt es hübschere Urlaubs Orte, die besseren Strände die schöneren Landschaften die geschichtsträchtigere Kultur.

Ich sagte ja schon, die Geschichte wiederholt sich. Wieder klopfen Flüchtlinge an, Fremde. Und plötzlich mutieren Menschen zu Monstern, jagen sie durch die Straßen, werfen Molotow-Cocktails in Flüchtlings-Unterkünfte, beschimpfen sie, bespucken sie und wollen sie ertrinken lassen. Was ist passiert? Hat auch nur ein Rentner einen Cent weniger bekommen, wegen der Flüchtlinge? Hat nur ein Hartz 4 Empfänger weniger bekommen wegen der Flüchtlinge? Der Versorgungssatz für einen Flüchtling liegt unter dem Hartz 4 Satz . Woher also dieser Neid und Hass?

Natürlich, Kriminelle und Verbrecher gibt es überall, wo es Menschen gibt. Bei den Flüchtlingen aber auch bei uns Deutschen. Und wenn Schutzsuchende bei uns Verbrechen begehen, ist das verachtenswert und nicht zu tolerieren, auch wenn diese Leute durch den Krieg vielleicht schwer traumatisiert sind. Andererseits ist Sachsen nicht die Verbrechenshochburg, schaut mal nach Berlin oder Hamburg, was da so los ist. Viel mehr Kriminalität und trotzdem auch viel mehr Toleranz. Sehr viel mehr Ausländer und vielleicht gerade deshalb viel mehr Toleranz. Auch wenn man es nicht glauben mag, angesichts der jüngsten Ereignisse – die offizielle Polizeistatistik besagt, dass die Kriminalitätsrate seit 1996 noch nie so niedrig war wie jetzt.

Und auch die tatsächliche Zahl der ankommenden Flüchtlinge ist drastisch gesunken. Ich finde es auch sehr beschämend, dass ein reiches Land wie Deutschland so ein Theater macht und sich schlichtweg weigert, ein wenig Humanität zu „schaffen“. Nach dem 2. Weltkrieg mußte Deutschland 12 Millionen Ostvertriebene aufnehmen und hat das geschafft, obwohl es selber in Schutt und Asche lag. Jetzt haben wir 1,6 Millionen Flüchtlinge und schaffen das nicht? Das finde ich peinlich.

Deutschland hat nach dem 2. Weltkrieg eine 2. Chance bekommen, trotz der Gräueltaten des 3. Reiches. Es wurde wieder aufgebaut, es wurde Wirtschaftswunderland, die innerdeutsche Grenze fiel. Deutschland wurde ein geachtetes Land in der Welt. Und nun lest euch mal die internationalen Zeitungen durch. Jetzt sind wir wieder die hässlichen Nazis. Ich schäme mich in Grund und Boden.

Ich sehe natürlich auch, dass längst nicht alle so denken und dafür bin ich dankbar. Aber oft nimmt man nur die wahr, die am lautesten schreien. Sie bestimmen das Bild, das wir in die Welt senden. Wir sollten dem schreienden Mob nicht das Feld überlassen.

 

*Diese Gedanken sind ein Gastbeitrag von Gudrun Kaspareit, welche den Blog Naturwelt betreibt.