Eine Angst, die in Frust und Neid münden und im schlimmsten Fall sogar zu Wut und Hass führen kann. Und diese Kette ihren Ausbruch dann in Gewalt findet.

Die Ergebnisse dieser Angst und Wut können wir jeden Tag auf unseren Strassen beobachten, so wie vor ein paar Wochen in Chemnitz. Als ein Mann nach einer Messerattacke in der Chemnitzer Innenstadt starb. Weil zwei Tatverdächtige aus dem Irak und aus Syrien kommen, instrumentalisierten Rechtsextreme den Verstorbenen zur Galionsfigur für ihre Zwecke: „Fremdenhass schüren und ausleben“, schreibt dazu Focus online.

Wir sprechen von gewaltbereiten Nazis und Fremdenfeindlichkeit nicht nur, aber vor allem in den Bundesländern der ehemaligen DDR. Und wir sprechen von Flüchtlingen, die ebenso gewaltbereit auf ihre Mitmenschen losgehen und Frauen bedrängen und belästigen, so geschehen in der Sylvesternacht 2017.

Beide Vorfälle haben mich nicht nur überrascht, sondern sprach- und fassungslos gemacht. Deswegen habe ich mir für die Analyse beider Situationen professionelle Unterstützung von einer Psychologin – Martina Lackner – geholt.

Angst vor Fremden und Angst vor Verlust

„Überrascht haben mich beide Verhaltensweisen nicht. Weder die Ansammlung der rechtsradikalen Szene, noch die Übergriffe von Flüchtlingen. Beide Gruppierungen unterscheiden sich nicht unwesentlich in ihren Motiven, eher in den Ausprägungen der Gewalt, die diese Menschen in sich tragen. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit haben ihre Wurzeln in der Angst vor dem Fremden, die sogar in Angststörungen münden kann. Die Aggressionshandlungen in der Gruppe von Flüchtlingen basieren auch auf Prägungen aus ihren Herkunftsländern, Gewalterfahrungen in den Kriegsgebieten, einem Überlebenskampf in der Heimat und auf ihrem oft lebensgefährlichen Weg nach Europa und den daraus resultierenden, posttraumatischen Belastungsstörungen. Dahinter verbirgt sich wieder Angst: Angst, die sie bereits aus ihrer Vergangenheit mitbringen, aber auch Angst davor, sich in der neuen Heimat nicht zurecht zu finden.

Angst vor Entscheidungen und Angst vor Machtverlust

Gewaltbereite Rechtsradikale und gewaltbereite Flüchtlinge sind eingebettet in einen Rechtsstaat, dessen Entscheidungsträger eigentlich auch Angst haben. Haben Sie irgendwann den Zeitpunkt gemerkt, als Politiker begonnen haben, in Worthülsen zu sprechen – hören Sie genau hin: Wir schaffen das! Wir lassen das prüfen! Wir werden zur Rechenschaft ziehen! Wir müssen jetzt analysieren! Worthülsen, die keine Aussage haben, ausser die, dass man etwas gesagt hat, ohne etwas zu sagen.

Können Sie sich an die letzte Auseinandersetzung unserer Kanzlerin mit ihrem Kompagnon aus Bayern erinnern – er geht hieß es, einen Tag später wird zurückgerudert, er bleibt doch. Abgesehen davon, dass Machtkämpfe weder zum guten Ton gehören und in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben, verlieren die Menschen das Vertrauen in diese Politiker und deren Handlungen. Geht es ihnen wirklich um die Interessen der Bürger/innen, oder nur um die Selbstdarstellung und den eigenen Machterhalt?

Etwas länger zurück: Die Dissertationen für Doktorarbeiten lässt man sich schreiben, man macht nicht mehr selbst. Wer Geld hat, lässt andere für sich arbeiten. Titel kann man sich erkaufen. Oder Marktanteile und davon abhängige Gehälter und Boni durch gefälschte Abgaswerte.

Menschen brauchen „Leuchttürme“

Die politische und wirtschaftliche Elite in diesem Land zeigt zunehmend Verhaltensweisen, die nicht mehr im Sinne der durch sie vertretenen Menschen sind. Sie nimmt keine Verantwortung mehr wahr, aus Angst heraus, den Job, den Titel, das Geld, die Annehmlichkeiten, die Macht, … zu verlieren. Es ist ein Vertrauensverlust in diese „Elite“ entstanden, die Menschen verlieren Halt und Orientierung – was ist richtig, was ist falsch – in ihrem Leben. Ihnen fehlt immer mehr ein „Leuchtturm“, an dem sie sich ausrichten können und der ihnen Sicherheit für ihr Handeln gibt, egal, wie das „Wetter“ gerade ist. Mit Sicherheit ist hier nicht primär Schutz vor körperlichen Übergriffen gemeint. Gemeint ist mehr eine emotionale Sicherheit, die den Menschen hilft, ihre latent vorhandenen Ängste (vor der Zukunft, vor Veränderungen, vor Nichtbeachtung, …) zu verlieren, oder sie zumindest zu lindern.

Gewalt gibt es, solange es die Menschheit gibt, sie ist kein neues Phänomen. Und die Angst, der Schatten hinter der Gewalt, ist auch nicht neu. Beide Emotionen haben sich durch die jüngsten Vorfälle in Chemnitz nur erneut den Weg an die Oberfläche gebahnt.

Sie spiegeln der Elite nun einen Gefühlszustand der Menschen, unter der die Elite selbst leidet: Angst.

Wenn wir den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit treu bleiben wollen und Demokratie immer noch einen starken Wert darstellen soll, nicht nur, dass Demokratie in unserer Verfassung verankert ist, dürfen wir uns nicht von den Nebenschauplätzen ablenken lassen. Nämlich von Situationen wie in Chemnitz (oder wie schon vor gut 25 Jahren in Rostock-Lichtenhagen), oder den Konsequenzen, die aus dem Flüchtlingsstrom heraus entstanden sind. Diese Situationen sind nur die Reaktionen auf ein Problem und nicht die Ursache. Die Ursache liegt für mich in Entscheidungsträgern, die es nicht mehr schaffen, die Menschen im Vertrauen an sich zu binden. Deswegen sollten wir unseren Blick dorthin wenden.“

Soweit die Analyse und Bewertung von Frau Lackner. Was können wir daraus folgern, wie muss es weitergehen?

Menschen erwarten Antworten – Und Taten!

Wenn wir bei der viel zitierten Worthülse bleiben: Wir schaffen das – bräuchte es eigentlich ein Konzept auf die Frage – wie werden wir das schaffen?  Menschen brauchen und erwarten Antworten, gerade auf besonders komplexe und neue Herausforderungen. Wenn keine Antworten kommen, lässt man Menschen im luftleeren Raum stehen, Worthülsen bieten Menschen keinen emotionalen Halt, auch wenn sie wie in diesem Fall den Menschen Hoffnung und Zuversicht geben sollten. Und wenn dann doch Lösungen vorgestellt werden, müssen diese (auf Machbarkeit) überprüfbar sein und ganz am Schluss natürlich umgesetzt werden. Konzepte, die nur Monatelang diskutiert, aber nicht weiterverfolgt werden, verunsichern mehr, als sie helfen. Und wenn die Politik sich offensichtlich mehr um die eigene Machterhaltung dreht, signalisiert man den Menschen Desinteresse an deren wirklichen Problemen.

Viele (es gibt noch wenige Ausnahmen!) Politiker/innen sind zu Verwaltern geworden, sie verstecken sich hinter Worthülsen, Versprechungen und Schlammschlachten mit anderen Parteien. Sie verfolgen eigentlich keine Inhalte mehr, sie verwalten einen Zustand, der irgendwie durch Globalisierung und Krisenherde eingetreten ist. Dadurch kam es zu einem Vakuum an echter, per Wahl ausgehändigter Macht, aber vor allem zu einem Vakuum an Bindung zu den tatsächlich „Mächtigen“, den Wählerinnen und Wählern.

Bindung und Vertrauen sind entscheidend – In Win-Win-Situationen denken!

Bindung und Vertrauen sind der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält, weil sie die Erregungsbereitschaft von Menschen sowohl im Hinblick auf Angst, als auch Aggression bremst und damit den sozialen Frieden einer Gesellschaft sichert.

Deswegen mein Appell an alle Verantwortlichen in Politik und in der Wirtschaft: Wir brauchen Politiker und Entscheidungsträger, die sich wieder an den Menschen orientieren und für klare Werte stehen, keine Verwalter von gesellschaftlichen Zuständen die Angst vor Veränderungen und Entscheidungen haben. Sondern Menschen, die mutig Inhalte und Richtung vorgeben, dann auch zu ihren Entscheidungen stehen und sich nicht öffentlich gegenseitig demontieren. Wir brauchen Persönlichkeiten, die begreifen, dass Erfolg nie der Erfolg eines einzelnen ist, sondern dass gerade Politiker/innen nur so und solange erfolgreich sind, wie die Mitglieder einer Gesellschaft es sind. Und Politiker müssen begreifen, dass sie abhängig sind. Und zwar von ihren Wähler/innen.

Sie müssen begreifen, dass der soziale Friede nur gesichert werden kann, wenn sie anfangen, in Win-Win-Situationen zu denken. Sie müssen den Menschen das Gefühl geben, dass sie auch gewinnen können. Egal was es ist. Wir müssen wegkommen von dem Denken – wir gewinnen nur, wenn der andere verliert. Dieses Denken bringt uns langfristig keinen Segen, ganz im Gegenteil.

 

P.S.: Einige dieser beschriebenen „Leuchttürme“ gibt es übrigens noch. Zumindest aus meiner Sicht…