Mia san Mia: Eine selbstbewusste, fast schon arrogante Ansage, ein Ausdruck einer speziellen Einstellung und Positionierung. Wo wir sind, da ist Erfolg und wenn kein Erfolg da ist, dann sind die anderen schuld. Weil wir meinen, dass wir alles richtig machen, keinen Rat von anderen brauchen und uns auch um andere nicht kümmern. Nein, dieses „Mia san Mia“ ist nicht der Wahlslogan einer angeblich Christlichen Partei aus Bayern (obwohl er zu dieser auch exzellent passen würde), sondern der Ausdruck des Selbstverständnisses einer dieser Partei fast ähnlichen Organisation, dem FC Bayern München. Der seit meiner Kindheit  „mein“ Verein war und den ich bis vor kurzem gegen alle Angriffe von anderen verteidigte, spätestens seit letzter Woche aber nicht mehr. Was war passiert, warum diese plötzliche Trennung, wer ist schuld daran?

Wie alles begann- Eine magische Nacht im Mai 1967

Fangen wir einmal von ganz von vorne an, dem Beginn meiner ehemaligen „Liebesbeziehung“. Einen Fußballverein sucht man sich ja nicht einfach so aus, wie neue Schuhe, oder eine Wohnzimmer-Einrichtung. Es passiert einfach und ist meistens Liebe auf den ersten Blick. Bei mir schlug der „Blitz“ im zarten Alter von 9 Jahren ein, genau am 31. Mai 1967, und zwar heftig. An diesem Tag sass ich vor unserem Schwarz-Weiss-Fernseher, den mein Vater gerade vor ein paar Monaten gekauft hatte und durfte mit ihm ein Fußballspiel bis „tief in die Nacht“ – so kam es mir zu dieser Zeit und mit meinem Alter vor – verfolgen. Und ich „verfolgte“. Zuerst einfach aufgeregt, weil ich so lange aufbleiben durfte. Je länger das Spiel aber dauerte, mit immer mehr Aufregung und Begeisterung, die Jubelrufe meines Vaters übertreffend.

Es war das Endspiel des Europapokals der Pokalsieger des Saison 1966/67 in Nürnberg. Dort trafen die Glasgow Rangers auf die Mannschaft des FC Bayern, mit Spielern, deren Namen ich mir danach mit Handschrift in mein erstes „Fußball-Tagebuch“ eintrug und daneben ehrfurchtsvoll die später gesammelten Panini-Fotos klebte. Zum Beispiel Werner Olk als Kapitän, Peter Kupferschmidt, oder Rainer Ohlhauser. Aber auch die blutjungen Sepp Maier (die „Katze von Anzing“) und einem damals noch gertenschlanken Mittelstürmer, den der FC Bayern aus der Provinz (Nördlingen) holte. Und der später vom seinem legendären Trainer Clatko – Tschick – Cajkovski zärtlich „kleines dickes Müller“ genannt wurde. Aber ein Spieler hatte es mir vor allem angetan, der spätere „Kaiser“, Franz Beckenbauer. Ein Spieler, der schon damals durch seine reine Körpersprache die Dominanz ausstrahlte, welche den FC Bayern über Jahrzehnte begleiten sollte. Dann war noch „Bulle“ Franz Roth. Der mit seinem „Hammer“ entweder die gegnerischen Tornetze, oder die aufgehängten Anzeigetafeln in Gefahr brachte. Und der tatsächlich mit seiner „linken Klebe“ das entscheidende 1:0 in der Verlängerung (108. Minute) dieses Spiels erzielte.

Am nächsten Tag war ich auf dem Bolzplatz unseres Dorfes und versuchte, meine Idole nachzumachen. Den Aussenrist-Pass vom „Kaiser“, oder die Granaten von „Bulle“ ‚Roth. Auch wenn ich im Gegensatz zu meinen Idolen barfuss und ohne Schienbeinschoner spielen musste und regelmässig mit blauen Flecken spät Abends nach Hause kam, für mich stand fest, ich werde Fußball Profi, koste es, was es wolle.

Mein großes Vorbild: Ein „Kaiser“

Sechs Jahre später – jedes Spiel meiner „Bayern“ wurde am Fernseher verfolgt und in mein Tagebuch eingetragen – begann der Ernst des Lebens, mein erstes Vorstellungsgespräch bei meinem möglichen Arbeitgeber. Der Test zur Einstellung als Lehrling (so nannte man das damals noch) zum Industrie-Kaufmann beinhaltete auch einen Aufsatz: Wer ist dein großes Vorbild und warum? Da musste ich nicht lange überlegen, der Füller (ja, so etwas gab es…) flitzte über das Papier, in einer Stunde hatte ich 10 Seiten fertig. Natürlich über den „Kaiser“, seine Person, seine Ausstrahlung, seine Erfolge, sein Wirken als Kapitän, sein Werdegang von ganz unten (Abschluss der Volksschule und Ausbildung zum Versicherungskaufmann) nach ganz oben. Nach zwei Wochen bangen Wartens erhielt ich das Ergebnis des Auswahltests: Bestanden und eingestellt! Wie mir ein paar Jahre später der Ausbildungsleiter verriet, auch wegen meines Aufsatz über Franz Beckenbauer. Und natürlich nicht nur, weil mein damaliger Chef ebenfalls ein glühender Anhänger des FC Bayern war….

Titel, Tränen und Triumphe

So festigte sich meine große Liebe, die über 50 Jahre hielt. Mit großartigen Erfolgen, aber auch der „Mutter aller Niederlagen“, dem unfassbaren Endspiel wieder in einem Europapokal. Als wieder im Mai, diesmal 1999, der FC Bayern auf Manchester United traf. Und nach einem 1:0 in der 6. Minute durch Mario Basler schon zwei Hände am Pokal – jetzt dem „Henkelpott“ der Champions League – hatte. Dann aber in der Nachspielzeit noch zwei Gegentore (nach zwei Ecken von David Beckham) kassierte. Ich habe in meinem Leben nicht oft geweint, aber an diesem Abend war einer dieser Momente, bei dem ich wie Ottmar Hitzfeld – dem damaligen Trainer des FCB – meinen Tränen freien Lauf liess.

Aber schon zwei Jahr später, am 23. Mai 2001, wurden aus Tränen der Trauer die Tränen der Freude. Als die Mannschaft um Ottmar Hitzfeld im Endspiel der Champions League nach einem dramatischen Elfmeterschiessen und einem überragenden Nachfolger der „Anzinger Katze“, Olli Kahn, den FC Valencia besiegte.

Was habe ich bei den Spielen mit dem FC Bayern nicht alles erlebt, was waren das für besondere Charaktere, die diesen Club prägten. Egal, ob es als Trainer Udo Lattek, der „Fußball-Professor“ Dettmar Cramer, der schlaue Fuchs Branko Zebec, Gentleman Pal Csernai oder der legendäre Giovanni Trapattoni waren. Die erwähnten „Tschick“ Cajkovski und Ottmar Hitzfeld sowieso. Aber vor allem Jupp Heynckes, der es in der Saison 2012/13 schaffte, das legendäre Triple – Deutsche Meisterschaft, Deutscher Pokalsieger und Gewinn der Champions League – nach München zu holen und damit den größten Erfolg in der sowieso schon Ruhmreichen Vereinsgeschichte zu schaffen.

Bastian Kampf-Schweinsteiger und andere Legenden

Mit Spielern wie Bastian „Kampf“-Schweinsteiger (WM Finale 2014!!), Philipp Lahm, Manuel Neuer, Thomas Müller, Arjen Robben, Franck Ribéry, oder Jerome Boateng. Spieler, die den FC Bayern wie Dutzende andere prägten: Ein Paul Breitner, Giovane Élber, Lothar Matthäus, Stefan Effenberg, Klaus Augenthaler, Sören Lerby, Raimond Aumann, Thomas Helmer, Mehmet Scholl, oder Miroslav Klose. Aber auch ein ganz besonderes Brüder-Paar: Dieter und Uli Hoeness.

Uli Hoeness: Mr. FC Bayern

Und damit sind wir schon bei meinem Problem und dem Grund meiner erkalteten Liebe. Gerade Uli Hoeness war und ist mit seiner ganz speziellen Geschichte auf und neben dem Platz eine prägende Figur des FC Bayern und massgeblich an der Erfolgsgeschichte dieses Unternehmens (Verein ist der Club ja heute nicht mehr) beteiligt. Mit all seiner fußballerischen Expertise (u.a. Spieler des Weltmeisters von 1974) und dem Einbringen seines ganz speziellen Geschäftssinns. Er hatte es wie kein anderer verstanden, aus welchen Zutaten ein langfristiger Erfolg – vor allem auch der wirtschaftliche – besteht. Eben nicht nur aus Spitzenspielern auf dem grünen Rasen, sondern auch aus einer starken und geschlossenen Mannschaft hinter der Mannschaft.

Äusserst geschickt holte er ausgewählte Sponsoren (Adidas, Audi, Allianz, VW, Telekom) als Anteilseigner und/oder  Mitglieder des Aufsichtsrats in das Unternehmen „FC Bayern AG“. Wusste genau, dass er über weitere Aufsichtsratsmandate – u.a. Edmund Stoiber als ehemaliger bayrischer Ministerpräsident – nicht nur das „Mia san Mia-Gefühl“ stärken konnte. Sondern darüber auch ganz besonderen Zugang zu entsprechenden Informationen und Gremien bekam. Dass lange Jahre mit Helmut Markwort, als Herausgeber des FOCUS, ein ausgewiesener Medienprofi ebenfalls Mitglied des Aufsichtsrats war, ist bestimmt auch kein Zufall und hatte in der Aussendarstellung und Öffentlichkeitsarbei bestimmt auch nicht geschadet.

Das Spiel mit den Medien – Was erlauben Strunz

Gerade dieses „Geben und Nehmen“ zwischen dem FC Bayern und den Medien war Jahrzehntelang ein Musterbeispiel, wie das Zusammenspiel in dieser Branche funktioniert. Franz Beckenbauer begleitete zum Beispiel über 30 Jahre als Kolumnist eine Zeitung mit vier Buchstaben und hatte dabei auch Zugriff auf Informationen aus erster Hand. Man kannte sich und hielt das große Rad der Aufmerksamkeit – von dem alle Beteiligten profitierten – am Laufen. Aber dieses „Rad“, mein großes Vorbild und meine „Liebesbeziehung“, bekamen vor ein paar Jahren plötzlich die ersten „Dellen“. Als Berichte über ein angeblich gekauftes „Sommermärchen“ (die WM 2006 in Deutschland, für die der „Kaiser“ als Hauptbotschafter unterwegs war) die Runde machten, ganz zu schweigen von dem aufziehenden Skandal um Uli Hoeness.

Der im März 2014 zu einer Strafe von drei Jahren und sechs Monaten wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Und vorzeitig, am 29. Februar 2016, aus der entsprechenden Haft entlassen wurde. Zu dessen Vorgehen und Verhalten auch ich eine ambivalente Meinung entwickelte, und der dazu seine Sicht der Dinge u.a. wie folgt schilderte:  „Ich bin der einzige Deutsche, der Selbstanzeige gemacht hat und trotzdem im Gefängnis war. Ein Freispruch wäre völlig normal gewesen. Aber in diesem Spiel habe ich klar gegen die Medien verloren.“

Dieses „Spiel“, das Umgehen mit und Auftreten in den Medien ist gerade beim FC Bayern mit entsprechenden Anekdoten nur so gespickt. Ob es die hitzigen Wortgefechte zwischen Uli Hoeness und Christoph Daum im ZDF-Sportstudio waren, oder die „Mutter aller Pressekonferenzen“ mit dem schon erwähnten Trainer Giovanni Trappatoni. Als er sich in seiner legendären Wutrede am 9. März 2008 seinen Frust über die Niederlagenserie seiner Mannschaft von der Seele sprach, eigentlich schrie: „Ein Trainer ist nicht ein Idiot“, schrie es aus ihm heraus. „Es gibte Spieler, die zwei o drei die vier Spieler waren schwach wie eine Flasche leer!“, rief er an die Adresse von Basler und Scholl.  „Strunz! Strunz ist zwei Jahre hier, hat gespielt zehn Spiel, is immer verletzt. Was erlauben Strunz?“ So schrie Giovanni Trappatoni damals in die Mikrofone der verblüfften, eigentlich fassungslosen Journalisten.

Was für ein „Scheißdreck“ – Menschenwürde gilt für alle

Und nun, gut 10 Jahre später, eine erneute, denkwürdige Pressekonferenz. Diesmal mit ähnlichen Vorzeichen wie damals, aber mit Karz-Heinz Rummenigge und seinem Chef, Uli Hoeness. Bei denen nach einer kleinen Niederlagenserie anscheinend ebenfalls die Nerven blank lagen, die sich vielleicht an „Was erlaubem Strunz“ erinnerten und die zum vollkommen missglückten Rundumschlag gegen die Medien ausholten. „Unverschämt, respektlos, polemisch“. So einige der Aussagen. “Die Würde des Menschen ist unantastbar“, betonte Rummenigge. Wenige Momente später schimpfte Hoeneß allerdings über den nach Paris verkauften Juan Bernat: „Was er für einen Scheißdreck gespielt hat.“ Eine ähnliche Wortwahl, mit der er auch schon Mesut Özil vor ein paar Monaten attackierte. Einige Journalisten wurden sogar namentlich an den Pranger gestellt, anscheinend gilt die reklamierte Menschenwürde nur dann, wenn man mit dieser nur sich selbst vor unflätigen Angriffen durch andere schützen möchte.

Was ist von dieser Attacke auf die Medien zu halten, warum reagiert die Führungsriege so? Ist es das Ablenken von eigenem Versagen? Zum Beispiel falsche Kaderzusammenstellung, falsche Auswahl des Sportdirektors (H. Salihamidzic), zu späte Entscheidungen und kein Mut bzgl. Trainerauswahl (kein J. Nagelsmann oder T. Tuchel)? Oder das Ablenken vom nicht fruchtenden, sündteuren Nachwuchsleistungszentrum, aus dem es schon seit Jahren kein Spieler mehr an die Spitze geschafft hat. Vielleicht will man es aber einfach so wie Otto Rehhagel bei seiner Zeit beim SV Werder Bremen machen. Der mit Journalisten nur im äussersten Notfall und dabei nur das Nötigste sprach und seiner Mannschaft eine“Wagenburgmentalität“ verpasste. Mit der Devise „Wir sind die Guten und müssen uns gegen die anderen (die Medien) verteidigen, die uns nur Böses wollen“. Dass „Rehakles“ dann aber bei seinem Gastspiel an der Säbener Strasse auch wegen diesem Umgang mit den Medien scheiterte, scheint sein damaliger Boss, Uli Hoeness, anscheinend schon vergessen zu haben.

Wer Wind sät, wird Sturm ernten – Ich habe fertig

Ich weiss natürlich nicht, was in den Köpfen von Rummenigge und Hoeness vorgegangen ist. Ob sie vielleicht ähnlich wie die ehemalige „Staatspartei“ in Bayern auch den Kontakt zur Realität und zu ihrer Basis verloren hat. Das Gespür dafür, was richtig und was falsch ist und was die Menschen von echten, glaubwürdigen Führungspersönlichkeiten erwarten. Man kann fast meinen , dass beide Institutionen immer noch (natürlich nur positive) „Hofberichterstattung“ erwarten und immer noch eine Führung nach Gutsherrenart zelebrieren. Aber dass sich die Zeit weiterentwickelt hat und gerade die „Sozialen“ Medien nicht mehr im Zaum zu halten – von Kontrollieren ganz zu schweigen – sind, dass müsste sich doch auch in Bayern herumgesprochen haben. Und zumindest müssten doch die Sprichwörter mit dem „Glashaus und den Steinen“, wie man in einen Wald hineinruft, oder „wer Wind sät, wird Sturm ernten“ auch in München bekannt sein.

Wie wird es weitergehen? Wenn K.H. Rummenigge und U. Hoeness mit ihrem Auftritt „nur“ einen Weckruf bei der Mannschaft erreichen wollten, dann scheinen sie dieses Ziel erreicht zu haben. Zumindest deutet der gestrige Sieg in Wolfsburg darauf hin. Aber welchen Preis haben Sie dafür bezahlt? Die Medien werden jetzt noch intensiver und kritischer hinsehen und berichten. Der entsprechende Druck auf Trainer und Spieler wird noch weiter zunehmen. Und was passiert bei der nächsten Niederlage, ein ähnlicher Auftritt?

Mir ist das eigentlich egal, ich habe leider meine Zuneigung zu diesem „Ensemble“ und meine Leidenschaft für dieses Show-Business endgültig verloren. 50 Jahre sind ja auch eine lange Zeit, so lange halten viele Ehen nicht. Mia san Mia kann gerne weiter zelebriert werden, aber ich bin raus.  Oder um es mit den Worten von Giovanni Trappatoni zu sagen: Ich habe fertig…