Des Deutschen liebstes Kind, der Fußball, ist kaputt und muss dringend repariert werden! Das ist die Meinung von einem, der es wissen muss. Nämlich von Gerd Thomas*, der als Vorstand eines ganz besonderen Amateur-Vereines, dem FC Internationale Berlin,  jeden Tag mit den Problemen und Herausforderungen für die Spieler (Kinder, Jugendliche und Herren) und den Ehrenamtlich Tätigen (Trainer und Funktionäre) konfrontiert wird. Nachfolgend seine aktuelle Situationsbeschreibung, wie es an der Basis von „Deutschlands liebstem Kind“ aussieht, warum der Fußball dringend und grundsätzlich repariert werden muss und welche „Werkzeuge“ dafür gebraucht werden.

Geld regiert die Welt – Im Profi-Fußball natürlich ganz besonders

„Einst große Traditionsvereine wie der HSV oder Kaiserslautern wandeln am Rande der Insolvenzverschleppung, wenn nicht gar darüber hinaus. Die früheren Bundesligisten Wuppertaler SV, Uerdingen 05 oder Wattenscheid 09 konnten im letzten Moment vor der Pleite gerettet werden – vorerst. Die halbe Regionalliga Nordost ist überschuldet. Der renommierte Fußballjournalist Hardy Grüne hat auf Facebook gar einen Insolvenz-Ticker eingerichtet, welcher oft mehrfach in der Woche befüllt wird. Währenddessen schwadroniert der oberste Finanzer von Hertha BSC über einen baldigen Club-Wert von 600 Millionen. Auf der Brust reicht es bei diesem „Welt-Verein“ nach einem Wettanbieter im Vorjahr in dieser Saison gerade mal für die 1-Euro-Kette TEDI, was die Vorstände nicht davon abhält, sich zu gerieren, als trüge man Gucci oder Cartier auf dem Trikot. Doch ist es besser, sich in die Hände eines russischen Staatskonzerns zu begeben oder sich von einem Brausehersteller aushalten zu lassen? In Hannover hingegen scheint man gerade die Quittung für die Allmachtsphantasien des Präsidenten und Geldgebers zu bekommen.

Dubiose Machenschaften im Amateurfußball nehmen überhand

Auch im vermeintlichen Amateurfußball, der von ahnungslosen oder ignoranten Journalisten gern zur ehrlichen Alternative zum Profigeschäft verklärt wird, machen sich immer mehr Vereine abhängig von einer Person mit dem entsprechend gefüllten Geldbeutel. In den meisten Ligen steht der Aufsteiger schon vor Saisonstart fest, denn dicke Brieftaschen helfen eben doch beim Toreschießen. Urplötzlich springen bei vielen Vereinen Millionäre wie Kai aus der Kiste. Meist krempeln sie den Club komplett nach ihrem Gusto um und setzen sämtliche im Vereinsrecht vorgesehenen demokratischen Regeln außer Kraft. Über Jahrzehnte gewachsene Strukturen und lieb gewonnene Gewohnheiten werden gleich mit abgewickelt.

Die wohl dreisteste Aufführung wurde kürzlich bei Tennis Borussia Berlin geboten, wo der Vorstandschef unmittelbar vor der Mitgliederversammlung jede Menge Bauarbeiter zu stimmberechtigten Vereinsmitgliedern gemacht haben soll. Insider erzählen, dass diese von einem (befreundeten?) Unternehmer kamen, der selbst einem Fußballclub vorsteht. Übereinstimmend wird von Anwesenden berichtet, dass die Neumitglieder zwar nicht wussten, wo sie sich genau befanden, aber dafür zur rechten Zeit die Hand zur Wahl hoben. Die vielen Fans, die in den letzten Jahren im Gegensatz zu vielen dilettierenden Vorständen den großartigen Ruf des Vereins prägten, wurden in fast schon brutaler Manier ausgehebelt. Es steht zu befürchten, dass hier eine neue Benchmark gesetzt wurde, an der sich andere Club-Mogule orientieren werden.

Legionäre zerstören die Vereinskultur 

Schon jetzt hat sich der Volkssport Nummer eins nachhaltig zum Negativen verändert. Selbst in den untersten Ligen wird Geld für das Kicken bezahlt, auch wenn oftmals nicht einmal 30 Zuschauer das Gebolze in der Kreisliga sehen wollen. Die Folge: Viele Spieler spielen nicht mehr dort, wo es am meisten Freude macht, sondern beim besten Zahlmeister. Dieser ungezügelte „Fußball-Turbokapitalismus“ (so die Aussage von Bündnis90/Die Grünen) befördert das viel gescholtene Legionärswesen. Viele Fußballer wechseln ihre Teams nahezu jährlich (manche auch gerne zusätzlich in der Winterpause), immer auf der Suche nach noch mehr Geldscheinen. Der Vereinszweck (Verein: „Organisation, in der sich Personen mit bestimmten gemeinsamen Interessen, Zielen zu gemeinsamem Tun zusammengeschlossen haben“) im eigentlichen Sinne wird außer Kraft gesetzt. Erfahrene Vorstände und Jugendleiter – auch an Jugendliche wird vielerorts inzwischen gezahlt – wenden sich zunehmend angewidert und desillusioniert ab. Für den Vereinsfußball, wie wir ihn kennen und lieben, ist das nicht weniger als ein Desaster. Denn die meist gut organisierten und Stress erprobten Leute sind in der Breite kaum zu ersetzen. Zumal das Ehrenamt im Fußball durch den immer mehr fordernden Arbeitsmarkt stark unter Druck gerät. Kaum jemand möchte sich heutzutage noch langfristig unentgeltlich binden und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

Begabte Kinder werden als Ware gehandelt

Doch man kann es den langjährigen Verantwortungsträgern nicht verdenken. Die oft beschworene Ausbildung junger Fußballer ist für die ausbildenden Vereine meist für die Katz. Die inzwischen arg in die Kritik geratenen Nachwuchsleistungszentren werben talentierte Spieler immer früher ab. Die so genannten DFB-Stützpunkte, in denen talentierte Spieler zusätzlich gefördert werden, verkommen zu Scouting-Points windiger Berater, die immer früher und hemmungsloser an Eltern und Kinder herantreten. Schon bei 12-jährigen wird ein Umzug der ganzen Familie in eine andere Stadt ins Auge gefasst, mit der Sehnsucht nach der leuchtenden und vor allem lukrativen Zukunft. Die Entschädigung für die ursprünglichen Heimatvereine (im höchst unwahrscheinlichen Fall einer Profikarriere) ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Selbst in den Jugendabteilungen der Bundesligisten liegt die Chance auf eine spätere Profikarriere bei unter fünf Prozent. Dass zudem mehr als die Hälfte der Profis nach ihrer Laufbahn kein Geld mehr haben, soll hier nur am Rande erwähnt werden.

Seriös wirtschaftende Vereine sind am Ende die Dummen

Auch im Erwachsenenbereich der „Amateure“ wird fast ausnahmslos gezahlt. Punkt- und Torprämien, Fahrgeld, Auflauf-Honorare, Trainingsgelder und nicht selten üppige Monatshonorare. Dass es inzwischen Steuerprüfungen mit drastischen Folgen für einige Vorstände gab, scheint kaum abschreckende Wirkung zu haben. Stattdessen wird weiter an der Finanzschraube gedreht. Landesligatrainer mit mehreren Tausend Euro monatlich für drei Trainingseinheiten und ein Spiel pro Woche sind noch in der Minderheit, aber längst schon keine Seltenheit mehr. Selbst in Kreis- und Bezirksligen kommen Coaches oftmals in den Genuss vierstelliger Summen. Dass die Einnahmen versteuert und mit Sozialversicherung belegt werden müssen, scheint vielen völlig unbekannt zu sein. Selbst in der Regionalliga soll es noch immer Präsidenten geben, die mit ominösen Umschlägen in der Spielerkabine verschwinden.

Gesund ist das natürlich nicht, weswegen viele renommierte Vereine auch von der Landkarte verschwunden sind, oder zu oftmals ungeliebten Fusionen gezwungen waren. Eine Reihe von Vereinen befinden sich in der Insolvenz. In der Regionalliga Nordost sind rund die Hälfte der Vereine davon betroffen oder bedroht. Der zuständige Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) schweigt dazu, gerade so, als ginge ihn das nichts an. Der amtierende Spitzenreiter Chemnitzer FC ging in der letzten Saison pleite, bekam als Strafe neun Punkte Abzug, stieg ab, entledigte sich seiner aufgrund eklatanter Misswirtschaft angehäuften Schulden und steigt in dieser Saison wohl gleich wieder auf. Ein im Insolvenzverfahren stehender Club als Aufsteiger? Im Gebiet des NOFV kein Problem. Seriös wirtschaftenden Vereinen muss das wie Hohn vorkommen, zumal viele ihrerseits aufgrund ökonomischer Vernunft nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Absurd – aber im Fußball die Regel.

Fußball als Reparatur-Werkstätte der Gesellschaft 

Die Frage ist, ob wir den Fußball reparieren können. Oder ob er unwiderruflich arabischen Scheichs, chinesischen Milliardären, oder in der Schweiz versteuernden Unternehmern in die Hände fällt, bzw. bei den vermeintlichen Amateuren zum Spielzeug der immer häufiger auftauchenden Westentaschen-Mateschitzs wird. Naive Besserwisser raten gern dazu, doch einfach eine breite Reihe von Sponsoren zu akquirieren, um nicht von einer Person abhängig zu werden. Aber so einfach ist das nicht. Den meisten Amateurvereinen fehlen dazu die Zeit und das Personal, um potentielle Förderer aufzuschließen und bei Erfolg zu pflegen. Auch deshalb greifen in der Sehnsucht nach sportlichem Aufstieg viele zum Modell der One-Man-Show. Meist mit den allseits bekannten, aber immer wieder gern ignorierten Folgen. Nur sehr wenige Mäzene oder finanzielle Alleinherrscher zeigen nämlich langfristig Gefallen an ihrem Spielzeug.

Dabei ist der klassische Amateurfußball es wert, dass man sich um ihn kümmert und ihn fördert. Neben umfänglicher Jugendarbeit ist der Verein auch zunehmend Treffpunkt für ältere Generationen, fördert die Gemeinschaft in den Sozialräumen, vom gesundheitlichen Aspekt ganz zu schweigen. Integration, Respekt, Toleranz, Ehrgeiz und Partizipation werden geübt, verschiedene Generationen treffen sich und reden miteinander, Vielfalt ist meist keine Floskel. Der Verein wird von Wissenschaftlern gern als Schule der Demokratie dargestellt. Ob das in der Breite so richtig ist, sei dahin gestellt. Fakt ist aber, dass Vereine oftmals das retten sollen, was Schule und Elternhaus nicht mehr hinkriegen. Der Fußballclub als Reparaturanstalt für die Gesellschaft? Leider immer häufiger. Vereine wollen und können nicht nur in diesem Bereich immer noch sehr viel leisten. Doch wenn sich die Schwerpunkte nur noch auf den sportlichen Erfolg richten, dieser mit allen Mitteln erreicht werden muss, dann werden Vereine ihrem gesellschaftlichen Auftrag nicht mehr gerecht und immer mehr werden von der Landkarte des Fußballs verschwinden.

Die Ehrenamtlich Tätigen sind die Basis – werden aber oft genug alleine gelassen 

Dass es auch anders geht, zeigen immer noch Hundertausende von engagierten Ehrenamtlern, die oft täglich ihren Dienst für das Gemeinwohl leisten. Wenn diesen aber der Spaß genommen wird, weil sich hemdsärmlige Neureiche ihren Verein unter den Nagel reißen, oder der urplötzlich zu Geld gekommene Konkurrent alle über Jahre mühsam ausgebildeten talentierten Spieler abwirbt, wird es düster in Deutschlands Vereinslandschaft. Irgendwann werden alle die Hand aufhalten und nichts mehr ehrenamtlich tun. Dann werden die klassischen Vereine aussterben und zu reinen sportlichen Dienstleistern werden. Da die Anforderungen stetig steigen, haben funktionierende Clubs ihren Preis. Das kann in den ohnehin mit zu wenig Sportstätten ausgestatteten Großstädten dazu führen, dass für zahlungsschwaches Klientel bald kein Platz mehr ist, quasi auch eine sportliche Gentrifizierung mit allen Begleiterscheinungen einsetzt.

Wie schon in der Champions League vorgelebt, werden sich am Ende nur noch die Stärksten durchsetzen. Für die Schwächeren bleibt nur noch der Platz am Katzentisch, an dem die Existenz keinen Spaß macht. Die Folgen sind Frust und Rückzug. Zurück bleiben dann nicht nur die Reste der Vereine, sondern auch Tausende von Menschen (vor allem Kinder und Jugendliche), die im Sport keinen Platz mehr finden, weil sich niemand mehr um sie kümmern möchte. So weit sollten wir es nicht kommen lassen.

Wie kann der Fußball repariert werden, was ist zu tun?

Auf Basis der beschriebenen Situation ist es dringend notwendig, dass sich Verbände und Vereine untereinander auf faire Spielregeln einigen, die Verbände moderierend und gestaltend eingreifen. Solidarität ist der Kitt der Gesellschaft, das sollten wir niemals vergessen, das sollten wir immer fördern. Nicht zuletzt im allseits beliebten Mannschaftssport Fußball.

Vor allem aber müssen aber Modelle her, die langfristig tragfähige Strukturen unterstützen. Die Zusammenarbeit von Schule und Verein wird bereits an einigen Orten praktiziert, wobei es hier nur wenige wirklich gute Modelle gibt. Aber auch die Kooperation mit Trägern der Jugendhilfe, mit Kommunen, Kirchen oder Unternehmen wäre sinnvoll. Hier müssen neue Modelle entwickelt werden, welche die Kraft des Sports und der Vereine nutzen. Wenn sich überall nur die Kraft des finanziell Stärkeren durchsetzt, werden die meisten Fußballvereine nach und nach verkümmern. Es ist Zeit für eine ernsthafte und kreative Diskussion über die großartigen Möglichkeiten und Potentiale des Sports für die Gesellschaft. Fangen wir jetzt damit an!“

*Gerd Thomas (57), Vorsitzender beim FC Internationale Berlin. Gleichzeitig Mitglied des Aufsichtsrats des SV Babelsberg 03.